
Der vorliegende Artikel behandelt die medizinischen Aspekte des Blutopfers, besonders der Zungen- und Penisperforation. Es werden einige Vorschläge für die Blutentnahme aus diesen Körperstellen gemacht, die auf piktorale Wiedergaben und Berichte aus der Kolonialzeit basieren. Es wird der Frage nachgegangen, ob das Blutopfer durch die Ausschüttung von Endorphinen als Folge der Schmerzempfindung und des Blutverlustes in der Lage war, Halluzinationen hervorzurufen, wie es von Linda Schele und Mary Miller vorgeschlagen wurde. Der Autor zeigt nach Konsultation mit Medizinern auf, daß dies nicht möglich war, sondern nur durch rituelle Praktiken, die das Blutopfer begleiteten, z.B. Fasten, die Einnahme bestimmter Drogen, die im einzelnen kurz charakterisiert werden, oder der rituelle Tanz.
ABBILDUNGEN
Abb. A Real-EEG, überlassen von Dr. Heusler
Abb. B Real-EEG, überlassen von Dr. Heusler
Abb. 1 Stuart 1984:180
Abb. 2 nach Schele u. Miller 1986:197 (Zeichnung: Sven Gronemeyer)
Abb. 3 Schele u. Miller 1986:176
Abb. C überlassen von Rainer Brocksieper
Abb. 4 Zeichnung: Ian Graham 1977:3-53
Abb. D nach Bargmann 1967:561
Abb. 5 Schele u. Miller 1986:203
Abb. 6 Fotografische Abrollung von Justin Kerr, © J. Kerr
Abb. E nach Digital Anatomist, aus: http://www1.biostr.
washington.edu, Download am 10.09.1999
Abb. 7 Zeichnung: Ian Graham 1977:3-55
Abb. 8 Fotografische Abrollung von Justin Kerr, © J. Kerr
Abb. 9 Fotografische Abrollung von Justin Kerr, © J. Kerr
Abb. F Entwurf: Sven Gronemeyer
Abb. G Entwurf: Sven Gronemeyer
Abb. H Entwurf: Sven Gronemeyer, nach Zink 1986:160
HALLUZINATION VISION ODER TRANCE?
RELIGIONSETHNOLOGISCHE GRÜNDE UND ANLÄSSE
SELBSTVERSTÜMMELUNG FÜR DAS BLUTOPFER
Die Anatomie der Zunge
Die Zungenperforation
Die Anatomie des Penis
Die Penisperforation
Die Perforation anderer Körperteile
Die Perforation als Auslöser halluzinogener Effekte?
Der Gebrauch des Tabak
Weitere pflanzliche Drogen
Der Gebrauch giftiger Kröten
Die religiösen Praktiken bei vielen mesoamerikanischen Völkern
üben auf uns eine gewisse Faszination aus. Die Vorstellung an Menschenopfer,
Selbstverstümmelung und rituellen Aderlaß, der Gedanke an die
doch so kulturelle Andersartigkeit mit ihren der Allgemeinheit so grausamen
und menschenverachtenden erscheinenden Praktiken ist mit Sicherheit eine
Ursache für diese Faszination. Die Spanier waren bei ihrer Ankunft
von diesen Handlungen schockiert und sie wurden nicht müde, in ihren
Berichten darüber zu schreiben um die Legitimation für ihre Missionstätigkeit
noch weiter zu fundieren. Dieser Umstand kommt heutigen Wissenschaftlern
sehr zu gute, und einige dieser Quellen sollen auch im folgenden Artikel
erwähnt werden. Epigraphische Untersuchungen haben auch bestätigt,
daß die Spanier, was den Umfang der Riten betrifft, nicht übertrieben
haben, auch wenn manche Schilderungen einen gewollten Anstrich von Grausamkeit
haben, oder Fakten falsch wiedergegeben wurden.
Die rituelle Blutentnahme zur Kontaktaufnahme mit dem Übernatürlichen
war wie bei vielen mesoamerikanischen Völkern auch bei den Maya eine
weit verbreitete Praxis (Schele u. Miller 1986: 175). Blut war das Medium
mit dem die Kommunikation mit den Ahnen und Göttern gewährleistet
wurde. Blut aber war bei weitem noch viel mehr: es war die Nahrung für
die Götter (Schele u. Miller 1986: 176). In den Abbildungen wird Blut
mit kostbaren Attributen dargestellt, die seinen Wert betonen sollen. Die
hier genannten allgemeinen Ausführungen werden später, in Zusammenhang
mit den einzelnen Formen des Opfers, noch einmal aufgegriffen und vertieft.
Dieser Artikel befaßt sich auf medizinischer Basis mit der Frage,
inwieweit die Blutopferrituale zusammen mit den begleitenden Paraphernalien,
vor allem eine ganze Reihe psychotrop wirkender Substanzen, dazu in der
Lage waren, die Ritusteilnehmer glauben zu lassen, mit dem Übernatürlichen
in Kontakt zu stehen. Hierzu wurden nicht nur epigraphische Zeugnisse und
ethnohistorische Beschreibungen, die direkt mit dem Blutopfer in Zusammenhang
stehen, ausgewertet, sondern auch verwandte Themen fanden Berücksichtigung.
Die medizinische Grundlage lieferten Interviews mit Ärzten aus den
Bereichen der Neurologie und Psychiatrie, aber auch allgemeinmedizinische
Probleme werden angeschnitten, z.B. auftretende Folgeschäden aufgrund
der Perforation von Organen.
Obwohl die medizinischen Fakten weitestgehend bekannt sind, so war
die Recherche doch schwierig. Die hier angeschnittene Problematik geht
über das normale Betätigungsfeld der Schulmedizin hinaus, dies
gilt insbesondere für die exotischen Drogen. Im übrigen lassen
viele Artikel zum Thema Selbstkasteiungsriten eine Beschäftigung mit
den organischen Grundlagen, die auf einem gesicherten medizinischen Fundament
stehen, missen. Ziel dieses Artikels soll es sein, ein wenig mehr Licht
auf diese komplexe Thematik zu werfen. Hierbei soll es sich mehr um ein
Dossier handeln, welches die medizinischen Fakten einmal zugeschnitten
auf das Feld der Altamerikanistik präsentieren möchte.
In den Publikationen, die diesem Artikel zugrunde liegen, wird davon
gesprochen, daß durch den Ritus Halluzinationen, Visionen oder ein
Zustand der Trance erzeugt werden sollten. Obwohl man diese Termini alle
unter dem Oberbegriff der bewußtseinsverändernden Zustände
zusammenfassen kann, bestehen aus psychiatrischer Sicht doch Unterschiede
in den Inhalten dieser Benennungen. Erstes Anliegen sollte daher sein,
diese Begrifflichkeiten zu klären. Grundlage dieser Ausführungen
lieferte vor allem ein Gespräch mit einem Psychiater.
Halluzinationen sind als wirklich empfundene Sinnestäuschungen
oder Trugwahrnehmungen, die ohne Objekt entstehen, d.h. ihnen liegt kein
Umweltreiz zugrunde. Sie können in allen Sinnesbereichen vorkommen:
es gibt akustische, optische, taktile, kinästethische, Geruchs- und
Geschmackshalluzinationen. Der Inhalt von Halluzinationen steht oft in
Zusammenhang mit Erlebnissen des Betroffenen oder zu eigenen Wahnideen.
Sie können generell bei allen endogenen und exogenen Psychosen auftreten
(Zink 1986: 664). Im Gegensatz zur Halluzination entsteht die Illusion
durch äußere Einflüsse, in ihr werden die Sinneswahrnehmungen
realer Objekte verfälscht, umgedeutet oder verkannt, prinzipiell können
dann auch alle Effekte auftreten, wie sie bei der Halluzination geschildert
sind. Das Auftreten von Illusionen ist bei allen Psychosen möglich
(Zink 1986: 768). Auch wenn beide Zustände als Symptome einer krankhaften
psychischen Veränderung auftreten, so finden sie sich, wenn auch vielleicht
nicht so intensiv, bei Gesunden. Hier treten sie häufig im Dämmerzustand
zwischen Wachen und Schlafen oder bei Erschöpfung und Übermüdung
auf.
Eine Psychose kann definiert werden als eine zentral bedingte Störung
der psychischen Funktionen, und führt zu einem Strukturwandel des
gesamten Erlebens. Eine exogene Psychose ist begründbar durch eine
körperliche Störung, dessen Symptom sie ist, bzw. eines von mehreren.
Beispielsweise kann diese Form bei Typhus oder Kohlenmonoxidintoxikation
auftreten. Das Kernsymptom ist eine Bewußtseinsstörung, die
zu einer Formveränderung des aktuellen Erlebnisfeldes führt.
Ebenso treten Merkfähigkeitsstörungen und Wahnphänomene
auf. Die endogene Psychose beruht auf bisher nicht nachweisbaren, aber
vermuteten körperlichen Störungen. Hierzu zu rechnen wären
beispielsweise Schizophrenie und Zyklophrenie (Zink 1986: 1384). Der Begriff
der Psychose sollte, da er nicht im Zusammenhang mit Blutopfer steht, nur
aufgrund des Vorkommens in den Definitionen für Halluzination und
Illusion kurz erläutert werden.
Dem Begriff Vision liegen mehrere verwandte Bedeutungen zugrunde. In
ihrer Grundbedeutung kann sie als eine Halluzination aus dem optischen
Sinnesbereich bezeichnet werden. Sehr viel weiter verbreitet ist die Auffassung
von Vision in Verbindung mit theologischen und parapsychologischen Inhalten.
Hier ist ein psychisches Erlebnis gemeint, in dem ihrer Natur nach nicht
wahrnehmbare Erscheinungen, dies können Gottheiten, Engel, Verstorbene,
etc. sein, auf übernatürliche Weise als Erscheinung erkannt werden.
Oft sind solche Visionen mit einer Audition, also einer Wortoffenbarung
verbunden. In der christlichen Theologie, ebenso wie im heutigen Sprachgebrauch,
ist damit zumeist die Vorstellung eines Blicks in die Zukunft verbunden,
der sowohl positive als auch negative Aspekte der bevorstehenden Zeit betonen
kann. Die Propheten des Alten Testaments können hier ebenso als Beispiel
aufgeführt werden wie die Offenbarung des Johannes oder die Verssammlung
des Nostradamus.
Trance ist eine Sammelbezeichnung für eingeengte Bewußtseinszustände
wie etwa Benommenheit, Schlafwandeln, Hypnose, Ekstase oder meditative
Entrückung. Der deutsch-amerikanische Psychologe Erik Erikson, ein
Schüler von Sigmund Freud, sah darin jedoch eher einen Prozeß
der Aufmerksamkeitsfokussierung, in dessem Verlauf Effekte wie Halluzinationen,
Illusionen oder Visionen auftreten. Auffälligste Gemeinsamkeiten sind,
neben der eingeengten („fokussierten“) Aufmerksamkeit, Veränderungen
der Reaktion auf sensorische Einflüsse, ein starrer Blick, verringerter
Lidschlag und weitere körperliche Merkmale und nicht selten eine nachfolgende
Erinnerungslosigkeit einhergehend mit einem Zeitverlust.
Obwohl es zuerst vielleicht paradox klingen mag, lassen sich die unterschiedlichen
Zustände menschlichen Bewußtseins nicht in einem Schwarz-Weiß-Schema
unterbringen, denn es existiert eigentlich keine scharfe Trennung. Zwischen
den hier vorgestellten Extremen Wachzustand und Trance gibt es ineinander
überfließende Bewußtseinslagen (Luczak 1999: 16). Obwohl
es einem meist gar nicht richtig bewußt ist, weil es so unwillkürlich
wie der Lidschlag geschieht, kennt bestimmt jeder das Gefühl etwa
von Konzentration beim Lesen eines Buches, die plötzlich ändert
in ein verträumtes Lauschen einer (imaginären) Melodie, und man
schaut einfach ohne besondere Gedanken aus dem Fenster.
Solche einfachen Wechsel sind bestimmt jedem Menschen gemein, sich
in Trance zu versetzen erfordert aber im wahrsten Sinne des Wortes mehr
„Kreativität“. Ergebnisse aus der Hypnoseforschung zeigen, daß
Menschen mit hoher Kreativität, Phantasie und der Möglichkeit,
innere Bilder oder sogar ganze „Traumwelten“ zu erzeugen, wesentlich zugänglicher
für gesteigerte Zustände des Bewußtseins sind (Luczak 1999:
16). Während der Trance zeigt sich bei ihnen im Bereich des Sulcus
calcarinus (Abb. E), dem im Lobus occipitalis (Hinterhauptlappen)
gelegenen Rindenfeld des Cortex (Großhirnrinde), welches das
Sehzentrum beherbergt, eine erhöhte Aktivität, was auf eine Intensivierung
von visuellen Vorstellungen hindeutet. Menschen mit einer geringeren Empfänglichkeit
für Trance zeigen in Experimenten eine gesteigerte Aktivität
bestimmter Zentren des Lobus frontalis (Stirnlappen), ein Anzeichen
für erhöhte Konzentration und Kontrolle (Luczak 1999: 16).
Während der Mensch im normalen Wachzustand im Elektroenzephalogramm
(EEG) eine Gehirnwellenaktivität von 7-10 Hz (sog. Alpha-Rhythmus,
Abb. A) zeigt, so zeigt sich bei Eintritt in einen Trancezustand eine Verschiebung
der Gehirnwellen in einen Frequenzbereich von 3-6 Hz, dem sog. Theta-Rhythmus
(Abb. B), der eigentlich charakteristisch ist für einen Zustand des
Einschlafens.
Abb. A und B: EEG. Alpha-Rhythmus (links) und Theta-Rhythmus (rechts).
Grundsätzlich lassen sich bewußtseinsverändernde Zustände
auf zwei Wegen hervorrufen: einmal pharmakologisch und zum andern psychologisch.
Die Stimulanzen des erstgenannten sind die Halluzinogene, auf die später
ausführlicher eingegangen wird. Psychologische Stimulanzen sind bestimmte
Techniken zur Erlangung von Trance (Luczak 1999: 17). Weltweit haben die
unterschiedlichsten Kulturen eine große Anzahl von Methoden entwickelt.
Als sehr verbreitet ist wohl der rituelle Tanz anzusehen, von dem auch
noch die Rede sein wird.
Während einfache Bewußtseinsveränderungen und leichte
Trance, daß konnte man bei Versuchsreihen feststellen, lediglich
Beeinträchtigungen des Denkens, Störungen der Konzentration,
ein Gefühl des Verlustes des Selbstkontrolle, starke Stimmungsschwankungen
und intensive Emotionalität hervorrufen, so verursachen schwere Trancen
vornehmlich Veränderungen in der optischen Wahrnehmung: Es treten
Farb- und Formhalluzinationen auf, im Extremfall szenische Vorstellungen,
also echte Visionen (Luczak 1999: 19).
Die Schöpfungsgeschichte im Popol Vuh (Schultze Jena 1971:
9ff.) der Genesis der K‘iche‘e-Maya, bietet einen guten Einblick für
die Frage nach dem Warum. Die Schöpfungsgötter wollten nach Vollendung
ihrer Arbeit, daß ihr Werk von allen Lebewesen beachtet und geehrt
wird. Die Vögel und Tiere waren aber nicht imstande die Götter
zu preisen und antworteten in sinnlosem Geschrei. Daher verfügten
die Götter, daß sie untereinander und dem Menschen als Nahrung
dienen sollten. Sie machten sich nun ans Werk, ein Lebewesen zu formen,
daß sprechen konnte und somit in der Lage war, sie und ihre Arbeit
zu ehren. Mehrere Versuche, den Menschen aus Lehm und Holz zu schaffen,
schlugen fehl. Schließlich verwendeten die Götter Mais für
das Fleisch und Wasser für das Blut und brachten menschliche Wesen
hervor, die sie beim Namen nennen konnten und sie anbeteten. Und, dieser
Zusammenhang ist grundlegend für das Verständnis des Blutopfers,
sie brauchten die Menschen als Ernährer. Es herrschte ein Art Symbiose:
die Menschen konnten ohne die Götter nicht leben, die den Regen brachten
und den Mais wachsen ließen, umgekehrt brachten die Menschen den
Göttern Nahrung – ihr Blut. Dadurch, daß es zusammen mit Kopalharz
und anderen Beigaben verbrannt wurde, konnte der aufsteigende Rauch die
Götter am Leben erhalten, nur in dieser Form konnten sie das Blut
konsumieren. In den aufsteigenden Rauchwolken manifestierte sich das Übernatürliche
sichtbar für den Ritusteilnehmer.
Folglich kann man annehmen, daß das Blutopfer die Maya in ihrem
alltäglichen Leben begleitet hat. Die Entdeckung bestimmter Ereignisglyphen
und das Verständnis der Ikonographie hat die Bedeutung bestätigt
(Schele u. Miller 1986: 175). Was für das gemeine Volk ganz allgemein
galt, galt für den ahaw, den Herrscher oder König, ganz besonders:
Er stand im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, er war der Garant für
die Sicherheit des Volkes. Und so gab er als Zeichen seiner Frömmigkeit
bei jedem wichtigen Anlaß ein Blutopfer. Bei Geburten, Heiraten,
Todesfällen, Inthronisation, Gebäudeweihen, Kalenderfesten –
die Liste ließe sich noch beliebig verlängern – wurde zur Weihe
Blut gespendet um die Götter in Anwesenheit zu rufen (Schele u. Miller
1986: 176) und die Welt in Bewegung zu halten.
Daraus sollte man aber nicht folgern, daß der ahaw grundsätzlich
über gesteigerte Fähigkeiten der Tranceerzeugung, wie sie weiter
oben beschrieben wurden, verfügte. Schließlich ging die Herrschaftsfolge
im allgemeinen nach der Primogeniturordnung und nicht nach den Fähigkeiten
in der Tranceerzeugung auf den nächsten über. Die Fähigkeiten
lassen sich aber in einem gewissen Rahmen trainieren, und daß das
Erlangen von Visionen der vielleicht wichtigste Bestandteil im Ritus war,
läßt sich auch daran zeigen, daß eine Ereignisglyphe im
Rahmen des Blutopfers, die sog. „Hand mit Fisch“-Glyphe (T714), als tzak
(„beschwören“) gelesen wird. Interessant wäre in diesem Zusammenhang
die Frage, ob das Blutopfer nur als erfolgreich angesehen wurde, wenn dem
Teilnehmer eine Vision zuteil wurde, oder ob allein schon der Akt des Blutvergießens
nur zur Ernährung der Götter ausreichte.
Die Blutopferriten wurden von beiden Geschlechtern durchgeführt, vom Erwachsenenalter an aufwärts durch alle Altersstufen. Grundsätzlich konnte Blut aus allen Körperteilen entnommen werden, besonders bevorzugt waren jedoch die Leistengegend, die Wangen und Unterlippe (Landa 1990: 64) und als besonders heilige Orte galten Zunge, Penis und Ohrläppchen. Die Blutentnahme aus der Leistengegend ist im Zusammenhang mit dem Ritus des Blutverstreuens (Abb. 1) aus den Quellen nur von Männern bekannt, wahlweise ist hierzu auch der Penis benutzt worden. Alle übrigen Organe wurden von Personen beiderlei Geschlechts benutzt. In der Relación de las cosas de Yucatán wird auch berichtet, daß beide Geschlechter sich runde Teile aus den Ohrläppchen schnitten oder die Männer sich gelegentlich die Vorhaut ihres Penis abrissen, was den Chronisten Gonzalo Fernández de Oviedo veranlaßt hat, zu glauben, daß bei den Maya die Beschneidung üblich sei (Landa 1990: 64).
Abb. 1: La Pasadita, Türsturz 2.
Landas bemerkt auch, daß die Opfergänger sich vor der Blutentnahme mit Tagen des Fastens, der Abstinenz und durch rituelle Dampfbäder auf den Ritus vorbereiteten (Schele u. Miller 1986: 178), auch wenn man nicht sicher sein kann, daß dies auch in klassischer Zeit geschah. Zumindest lassen sich Dampfbäder archäologisch auch in klassischer Zeit nachweisen. Die mit den Vorbereitungen verbundene Schwächung des Körpers durch Dehydration und Hungergefühle verursachen einen Zustand der Hypoglykämie, d.h. eine enzymatisch gemessene Verminderung des Blutzuckerspiegels unter 50 mg% (Zink 1986: 750). Als Symptome treten als Ausdruck der anergetischen Gegenregulation kalter Schweiß, Tremor (Zittern), Herzklopfen und blasse Haut auf, an neurologischen Ausfällen können beispielsweise Koordinationsstörungen, Doppelbilder, Ataxie (Verlust oder Störung der Muskelkoordination), psychotische Zustände mit Erregtheit und Wutausbrüchen und auch hier bereits Bewußtseinsstörungen hinzukommen. Es scheint, daß diese vorbereitenden Handlungen ein wichtiger Bestandteil der Blutopferriten waren, und das Bewußtsein verändernde Zustände während der eigentlichen Kulthandlung mit gefördert haben.
Zur Blutentnahme stand den Maya eine Reihe von verschiedenen Gegenständen zur Verfügung. Prinzipiell konnte jedes spitze Gerät verwendet werden, gebräuchlich waren u.a. die Stacheln von Blättern der Agave (Agave spec., yuk.: cí), von der es etwa zehn verschiedene Arten gibt. Teilweise wurden auch geschärfte und angespitzte Röhrenknochen, in einigen Fällen auch vom Menschen, benutzt (Schele u. Miller 1986: 176). Im allgemeinen findet sich jedoch stets ein dreiteiliges Instrumentarium aus einer Obsidianlanzette, einer Feuersteinschneide und einem Rochenstachel bzw. einer Lanzette als Imitation desselben (Schele u. Miller 1986: 175). Nach eigenem Ermessen wurden die Stacheln der Rochenart Dasyatis americana verwendet, die mit einem gesägten Rand versehen sind und im Lebendzustand der Tiere mit Gift gefüllt waren. Rochenstacheln wurden oft in Gräbern nahe der Beckenregion gefunden und befanden sich ursprünglich wohl in einem Beutel, der am Gürtel getragen wurde (Schele u. Miller 1986: 175). Die Größe der Stacheln liegt im Bereich von etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter Länge. Eine aus Jade gefertigte Lanzette (Abb. 2) als Nachbildung eines Rochenstachels unbekannter Herkunft, eine Leihgabe des Art Museum der Princeton University, weist eine Länge von 9,5 und eine Breite von 1,5 cm auf (Schele u. Miller 1986: 186 u. 197; Abb. 2). Nach Meinung von Christian Prager (persönliche Mitteilung, 1999) wurden derartige Lanzetten eher dazu benutzt, die mit einer scharfen Klinge geschnittenen Löcher für die Perforation offenzuhalten und einen kontinuierlichen Blutfluß zu gewährleisten, indem sie einfach durch das Organ durchgesteckt wurden.
Abb. 2: Blutlanzette
Diese Gegenstände besaßen für die Maya große Bedeutung, man kann durchaus sagen, daß sie als heilig betrachtet wurden. Die Blutentnahmelanzette kann in personifizierter Form als der „Perforationsgott“ auftreten, charakterisiert durch den doppelten oder dreifachen Knoten als Symbol der Blutentnahme über einem zoomorphen Kopf, der keinen Unterkiefer aufweist und dem die Lanzette aus dem Mund austritt (Abb. 3).
Abb. 3: Gott der Durchbohrung.
Wie bereits gesagt, bestanden viele Möglichkeiten zur Blutentnahme. Aufgrund ihrer Quantität anhand des Fundmaterials soll im wesentlichen nur auf die Perforation der Zunge und des Penis eingegangen werden.
Abb. C: Anatomie der Zunge. Medianschnitt.
Die Lingua (Zunge; Abb. C) ist eine skelettfreie Muskelmasse.
Ihre Oberfläche ist mit einer aus Epithelgewebe bestehenden Schleimhaut
überzogen, die auf dem Dorsum linguae (Zungenrücken) Papillen
ausbildet, welche die Geschmacksknospen tragen. Sie füllt die Mundhöhle
der Länge und Breite nach aus und ist ein wichtiges Hilfsorgan beim
Kauen und Sprechen. Die Zunge hängt vorn mit dem Mandibula
(Unterkiefer), hinten mit dem Cranium (Schädel) und unten mit
dem Os hyoideum (Zungenbein) zusammen. Der hintere Teil (Radix
linguae) grenzt an den Larynx (Kehlkopf) und Schlund.
Die Zungenmuskeln bestehen aus quergestreiften, meist ungeteilten Muskelfasern.
Man unterscheidet zwischen äußeren und inneren Zungenmuskeln.
Muskeln des ersten Typs entspringen dem Skelett außerhalb der Lingua.
Hierzu gehören im wesentlichen M. genioglossus, M. hyoglossus
und M. styloglossus. Sie dienen im wesentlichen der Ortsveränderung
des ganzen Organs. Die inneren Muskeln haben dagegen die Aufgabe, die Form
der Lingua zu verändern, das Zusammenspiel beider Typen kann
synchron erfolgen. Zu dieser Gruppe gehören M. longitudinalis superficialis
und profundus, M. transversus linguae und M. verticalis
linguae. Der motorische Nerv ist der N. hypoglossus, der sich
über dem M. hyoglossus, also an der Zungenoberseite, bis zum
Apex
linguae (Zungenspitze) hinzieht.
Die Zunge wurde, das kann man mit einiger Sicherheit anhand des ikonographischen Materials sagen, im Bereich des Apex linguae perforiert. Wie genau der Vorgang vonstatten ging ist nicht klar. Um es dem Ritusteilnehmer am schmerzlosesten zu machen, ist eine schnelle Durchbohrung am wahrscheinlichsten. Da die Zunge, wenn man sie an der Spitze ergreift, zusammengedrückt wird und eine Durchbohrung damit schwieriger wird, einmal davon abgesehen, daß sie aufgrund des Speichelüberzugs leicht aus der Umklammerung gleitet, ist es meiner Meinung nach wahrscheinlicher, daß die ausgestreckte Zunge auf eine Unterlage gelegt wurde. Beispielsweise konnte man eine kleine Steinplatte unter die Zunge halten, diese würde dann flach aufliegen.
Abb. 4: Yaxchilán, Türsturz 24.
Die durch das Loch hindurch zuziehende Schnur war etwa eine halben bis
maximal einen Zentimeter dick und hatte wohl eine durchschnittliche Länge
von etwa ein bis zwei Meter. All diese Zahlen stellen nur Vermutungen dar,
die anhand epigraphischer Zeugnisse erfolgten, besonders hervorzuheben
sind hier: die Türstürze 17 und 24 aus Yaxchilán und einige
polychrome Vasenmalereien. Die Verwendung einer dornenbewehrten Schnur
ist nur anhand eines Beispiels belegt, nämlich Türsturz 24 der
Struktur 23 in Yaxchilán (Abb. 4, Tab. 1), jetzt im British Museum
in London befindlich. In die Schnur eingearbeitet waren wohl Agavendornen
mit einer Länge von etwa einem Zentimeter. Offensichtlich handelte
es sich hierbei um einen besonderen Akt, um eine außergewöhnliche
Ehrerbietung den Göttern gegenüber zu zeigen. Der hieroglyphische
Text beschreibt die Teilnehmer und den Ritus wie er abgebildet ist. Bei
der vorliegenden Übersetzung der Inschriften (Tab. 1 und 2) wurden
einige Abstriche vorgenommen, was die genaue bzw. wortwörtliche Übersetzung
betrifft. Ziel sollte sein, die Texte in ihrer Gesamtheit verständlich
zu machen, statt auf Debatten einzugehen, die aufgrund unterschiedlicher
Lesungen hervorgegangen sind.
Die Ziehrichtung der Schnur während des Ritus ist unbekannt, sie
konnte sowohl vom Facies mylohyoidea (Zungenunterfläche) nach
oben Richtung Dorsum linguae verlaufen, als auch umgekehrt von oben
nach unten, die Quellen lassen in dieser Frage keine schlüssige Deutung
zu. Vermutlich wurden beide Möglichkeiten genutzt. Ferner wird in
der Kolonialzeit davon berichtet, daß schräge seitliche Löcher
in die Zunge gebohrt wurden, um Strohhalme hindurchzustecken (Landa 1990:
64).
Türsturz 24 aus Yaxchilán zeigt einen leeren unbeteiligten
Gesichtsausdruck der Frau Xok, vermutlich entweder bereits eine
Trancezustand infolge des Schmerzes und des Blutverlustes wie Linda Schele
behauptet (Schele u. Miller 1986: 186) oder, wahrscheinlicher, drogeninduziert
vor Beginn des Rituals. Auf den Zusammenhang zwischen Trance und der Kombination
Schmerz/Blutverlust wird später an geeigneter Stelle noch eingegangen.
Zusätzlich bestand im Zuge der Perforation ein nicht geringes
Risiko einer Infektion aufgrund nicht sterilisierter Instrumente, im schlimmsten
Falle sogar einer Sepsis. Je nachdem mit welchen Perforationsinstrument
die Durchbohrung vorgenommen wurde, kann der Wundheilungsprozeß unter
Umständen schwierig verlaufen sein. Glatte Schnitte in das Gewebe,
wie sie durch scharfe Klingen verursacht werden, heilen schwieriger zu
als anderweitige Verletzungen. Zusätzlich wird die Heilung durch die
Bewegungen des Organs vor allem bei der Nahrungsaufnahme verzögert
worden sein. Generell müssen Kauprobleme aufgetreten sein, wenn Nahrung
in die nicht unerhebliche Wunde eindrang. Wie oben aufgeführt wurde,
konnte die Breite der Klinge einen Zentimeter überschreiten. Daneben
bestand die noch die Gefahr von Artikulationsstörungen, zum einen
einfach aufgrund des Lochs, zum anderen durch verminderte Bewegungsfähigkeit
aufgrund verletzter Muskeln.
| A1 | ti 5 eb | am [Tag] 5 Eb |
| B1 | 15 mak u bah | 15 Mak [9.13.17.15.12, 28. Oktober 709], es ist ihr Abbild |
| C1 | ti ch’amil | beim Blutlassen |
| D1 | ti k’ak‘al hul | unter dem Feuerstab |
| E1 | u ch’am kan k‘atun ahaw | er erntet [Blut], 4 Katun Herrscher |
| F1 | itzamnah balam u chanul | Schild-Jaguar, er ist der Ergreifer [von] |
| F2 | ah nik | Ah Nik |
| F3 | k‘ul ahaw siyah ka’an | Heiliger Herrscher von Yaxchilán |
| G1 | u bah ti ch’amil | es ist ihr Abbild beim Blutlassen |
| G2 | ixik ch’ak kaban | Frau Ch’ak Kaban |
| G3 | ixik k‘abal xok | Frau K‘abal Xok |
| G4 | ixik kalomte | Frau Kalomte [Würdenträgertitel] |
Tab. 1: YAX, L. 24, Inschrift (Transliteration und Übersetzung: Christian Prager und Sven Gronemeyer)
Abb. D: Anatomie des Penis. Querschnitt.
Der Penis (Abb. D) als das männliche Begattungsorgan umgibt die
Urethra
(Harn-Samen-Leiter) als Verlängerung der Harnblase. Zwei Schwellkörper
dienen der Erektion. Dorsal ist der Radix penis (Peniswurzel) an
die Vorderfläche der Pubis (Schambeine) geheftet. Sein freies
Ende läuft in die Glans penis (Eichel) aus. Der dazwischen
liegende Teil wird als Corpus penis bezeichnet. Als Verlängerung
der Haut des Corpus überzieht das Orificium praeputii
(Vorhaut) die Glans penis.
Die beiden Schwellkörper sind der Corpus cavernosum penis
auf der Dorsalseite und der Corpus cavernosum urethrae auf der Ventralseite,
daß den peripheren Teil der Urethra einschließt. Das
vordere spitze Ende des Corpus cavernosum penis wird von der Glans
penis umfaßt und ist an ihr befestigt. Der gesamte Schwellkörper
ist umhüllt von einer etwa 1 mm dicken Bindegewebsschicht, der Tunica
albuginea. In einer Längsfurche auf dem Penisrücken verlaufen
die wichtigsten Blutgefäße. Der Corpus cavernosum urethrae
ist ein hantelförmiges Gebilde, dessen vordere Verdickung die Glans
penis ist. Dieser Schwellkörper ist stets durchblutet und wird
bei einer Erektion nicht hart, so kann sich die Urethra bei einer
Ejakulation erweitern.
Die Penisperforation ist neben Abbildungen von Inschriften, Vasen, und Keramikfiguren auch von kolonialzeitlichen Augenzeugenberichten belegt. Eine besonders naturalistische Wiedergabe des Rituals liefert eine Keramik des Spätklassikums (Schele u. Miller 1986: 192 u. 203), deren Erscheinungsbild sich mit der Aussage des Fray Delgado aus dem 17. Jahrhundert weitgehend deckt, die er über die Beobachtung einer Opfermethode bei den Manche-Chol-Maya gemacht hat (Schele u. Miller 1986: 180):
"In Vicente Pach’s ranch I saw the sacrifice. They took a chisel and wooden mallet, placed the one who had to sacrifice himself on a smooth stone slab, took out his penis, and cut it in three parts two finger breadth [up], the largest in the center, [...]. The one who was undergoing the operation did not seem to suffer, and did not lose a drop of blood."
Die Keramikfigurine (Abb. 5) zeigt einen Adligen im Schneidersitz, der seinen Penis auf einen Stapel blaues Papier gelegt hat und grade die Perforation durchführt. Das im Maya-Gebiet übliche Papier wurde aus der Rinde des Feigenbaumes hergestellt (Ficus cotinifolia, yuk.: kopo). Die Figurine zeigt, entgegen der Aussage des Fray Delgado, jedoch eher eine Perforation der Glans penis, oder, was noch wahrscheinlicher erscheint, des Orificium praeputii, da die Glans penis doch recht widerstandsfähig und äußerst sensibel ist. Auch hier kann eine schnelle Handlung vermutet werden, um den Schmerz für den Teilnehmer so gering wie möglich zu halten.
Abb. 5: Figürliche Darstellung einer Penisperforation.
Landa zufolge wurden durch den seitlich perforierten Penis auch Schnüre hindurch gezogen. Weiterhin wird berichtet, daß mehrere Ritusteilnehmer, die durch eine durch die Wunde gezogene lange Schnur verkettet waren, auf diese Weise einen Tanz aufführten (Landa 1990: 64 f.). Neben Schnüren wurden auch Papierstreifen durch die Wunde gezogen oder um den Penis herum gewickelt, eine sehr schöne Wiedergabe dieser Variation des Rituals zeigt die Keramik Kerr #1452 (Abb. 6).
Abb. 6: Penisperforation, polychrome Vase.
Kolonialzeitliche Augenzeugenberichte berichten, daß die Opfernden
keinerlei Schmerzempfinden zeigten, was auch in Abbildungen der Prozedur
zu sehen ist. Ebenso wird davon berichtet, daß bei der Perforation
kein Tropfen Blut aus der Wunde austrat (Schele u. Miller 1986: 180; Tozzer
1941: 114).
Auch hier bestand wie oben bereits erwähnt die Gefahr von Infektionen.
Sollte die Perforation nur am Orificium praeputii stattgefunden
haben, so traten keine weiteren Nebenwirkungen auf. Bei einer Durchbohrung
der Glans penis bestand zusätzlich die Gefahr einer Verletzung
der Urethra, so daß es zu Schmerzen beim Wasserlassen kommen
konnte, wenn Harn in die Wunde eintrat. Ferner konnte durch eine Verengung
der Urethra, sollte die Wunde vernarben, das Urinieren weiter erschwert
werden. Im schlimmsten Fall, nämlich einer völligen Schließung
des Harnleiters, würde das Wasserlassen unmöglich und die betreffende
Person würde an Nierenversagen sterben. Bei Verletzungen der Schwellkörper
und der sie umgebenden Tunica albuginea wären Störungen
der Erektionsfähigkeit die Folge, die allerdings nur temporär
wären.
Wie schon weiter oben erwähnt, wurden auch die Ohrläppchen,
die Unterlippe und die Wange perforiert. Ebenso konnten hier gleichermaßen
Papierstreifen durch die Wunde gezogen werden.
Einschnitte in die Leistengegend, aber auch in den Penis, zeigen im
Zusammenhang mit dem Ritus des Blutverstreuens Ströme von Blut, die
mit der Hand in die Schale mit Opferpapier geleitet werden, aber keinerlei
Schnüre oder Papierstreifen. Sehr gut zu beobachten ist der Ritus
auf Türsturz 2 aus La Pasadita (Abb. 1). Ergänzt werden die epigraphischen
Hinweise durch das kolonialzeitliche Testament des Melchor Uc, wo berichtet
wird, daß er vor seiner Taufe bei Opferungen Blut aus seinen Genitalien
abnahm und zu Boden schleuderte (Stuart 1984: 188 u. Scholes/Adams 1938:
58).
Eine weitere Möglichkeit war die als „Selbstenthauptung“ bezeichnete
Möglichkeit, die Arteria carotis communis zu verletzen, deren
beiden Äste den Kopf mit Blut versorgen (Kremer 1993: 85). Hier sollte
die Wunde nur minimal sein und eine Wundbehandlung sofort erfolgen, in
diesem Fall kann die Blutung innerhalb weniger Minuten gestoppt werden.
Größere Verletzungen würden gefäßchirurgische
Maßnahmen erfordern. Sollte ein Stoppen der Blutung bei Kompression
der Wunde nicht gelingen, so liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit
bei etwa 5% (Kremer 1993: 86). Trotz der großen Risiken bei dieser
Art von Blutentnahme ist diese Praxis aus vielen Quellen bekannt.
Da nun das Blutopfer der zentrale Teil des gesamten Ritus war, sollte
man denn somit auch annehmen, daß es bewußtseinsverändernde
Zustände hervorrufen konnte? In „The Blood of Kings“ behaupten Linda
Schele und Mary E. Miller, daß dies möglich sei, und zwar mit
Hilfe von Endorphinen infolge des Schmerzes und aufgrund des Blutverlustes
beim Opfer (Schele u. Miller 1986: 177).
In Experimenten scheint nachgewiesen worden zu sein, daß in der
Erwartung von Schmerzen die Angst davor eine Intensivierung des Schmerzempfindens
verursachen kann. Theoretiker des Behaviorismus wollen in Experimenten
aufgezeigt haben, daß Angst (Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie:
Angst) im Gegensatz zur angeborenen Furcht erlernt werden kann. Angst ist
nach ihrer Ansicht eine Gegenkonditionierung auf Reizmuster der Umwelt
(Benesch 1998: 101). Es ist somit auch ein Erlernen des Unterdrückens
von Angst möglich, solche Verhaltensweisen schleifen sich im Laufe
der Zeit ein (Benesch 1998: 101). Die Einbettung der Perforation in den
rituellen Kontext, der positive Aspekt, den Göttern Nahrung darzureichen,
wird die Schmerztoleranz eventuell heraufgesetzt haben oder die Teilnehmer
veranlaßt haben, die Schmerzen stoisch hinzunehmen, was auch durch
den Gesichtsausdruck auf manchen Abbildungen und die Schilderungen mancher
kolonialzeitlicher Augenzeugen bestätigt wird. Hier lag also wieder
eine Konditionierung vor. Nach Meinung des von mir befragten Psychiaters
kann die Schmerzerfahrung auch davon abhängen, ob der Ritusteilnehmer
die Perforation selbst durchführte oder Helfer hatte, die ihm assistierten.
Bei eigener Verrichtung wird die Angst vielleicht weiter herabgesetzt gewesen
sein, als wenn man auf die Fähigkeiten der Assistenten vertraut hätte.
Die Empfindung von Schmerz beginnt mit der Reizung sog. Nozirezeptoren,
die in der Haut und den inneren Organen liegen. Bei den peripheren Nervenfasern,
welche die Reize an die Medulla spinalis (Rückenmark), können
zwei Arten unterschieden werden: A-Delta-Fasern, die Reize schnell weiterleiten,
und C-Fasern, die eine langsamere Weiterleitung haben. Die Unterschiede
liegen im Aufbau begründet: je dicker die Faser und ihre Hülle
ist, desto schneller erfolgt die Übermittlung. Die Differenz ist jedoch
nur minimal, die lang anhaltenden Schmerzgefühle sind eine biochemische
Reaktion, die im Thalamus erfolgt. Die Nervenreize gehen im Gyrus
cinguli ein, dort wird die Intensität der Schmerzempfindung entschieden.
In den sensorischen Zentren auf der Großhirnrinde wird die Quelle
des Schmerzes erkannt und dieser ins Bewußtsein gerufen.
Endorphine sind körpereigene, schmerzblockierende Oligopeptide,
die mit Opiatrezeptoren reagieren. Chemisch verwandt sind sie mit den Opiat-Alkaloiden,
wozu beispielsweise auch das Morphin gehört, das als Analgetikum Verwendung
findet. Und genau diese Funktion haben auch die Endorphine: in ihrer Eigenschaft
als endogene Opiat-Analoga sind sie Mediatorsubstanzen einer Regulation
des Schmerzempfindens (Zink 1986: 439-440). Sie entstehen v.a. in der Hypophysis
(Hirnanhangdrüse) und in den benachbarten Regionen des Hypothalamus
aus Beta-Lipotropin und unterdrücken den Schmerz direkt im Gehirn
(Abb. E). Zu den Endorphinen gehört auch das Enkephalin, eine kurzkettige
Form, das im gesamten Körper produziert werden kann. Die auf die Endorphine
ansprechenden Opiat-Rezeptoren kommen v.a. im Thalamus und Limbischen
System, aber auch im Stammhirn und in der Hypophysis vor. Da sie
sehr schnell wieder vom Organismus abgebaut werden, ist zu vermuten, daß
auch sehr schnell wieder synthetisiert werden, um eine ausreichende Konzentration
erhalten zu können.
Abb. E: Menschliches Gehirn. Medianschnitt.
Nach Meinung der von mir befragten Mediziner werden während der
Perforation nicht genügend Endorphine als Reaktion auf den Schmerz
produziert, um im Gehirn eine Konzentration zu erreichen, die eine Halluzination
veranlassen würde, und die Endorphine werden ja durch bestimmte Enzyme
sehr schnell wieder abgebaut. Somit würde dieser Aspekt aus einem
Erklärungsversuch schon einmal herausfallen. Was die Endorphine aber
bewirken können, ist eine euphorische Hochstimmung, nicht umsonst
bezeichnet man sie umgangssprachlich auch als „Glückshormone“. Nach
der Einnahme von Opiaten enthaltenen Drogen kann man bei Süchtigen
ein ähnliches Verhalten feststellen: Nach extremen Glücksgefühlen
tritt mit Nachlassen der Wirkung eine Phase von Depressionen auf. Zusätzlich
tritt eine Verhaltensweise auf, die man auch bei Extremsportlern feststellen
kann: aufgrund ihrer opiatanalogen Struktur können sie abhängig
machen. Es ist bekannt, daß der Organismus z.B. von Joggern, Radfahrern
oder anderen Sportlern, die extremen Dauerbelastungen ausgesetzt sind,
Endorphine ausschütten. Nach einiger Zeit tritt gewissermaßen
eine Abhängigkeit ein, und es wird versucht, immer weitere Distanzen
zurückzulegen und den Körper immer mehr zu beanspruchen. Daraus
sollte man allerdings nicht folgern, daß die Maya abhängig vom
Blutopfer wurden! Allein der rituelle Kontext wird sie davon abgehalten
halten, dies ständig zur Suchtbefriedigung durchzuführen.
Der Blutverlust wäre dann, nach Linda Schele und Mary E. Miller,
die noch einzig verbleibende Erklärung für das Auftreten von
Halluzinationen. Aber auch hier sollte man nicht allzu schnell dem Glauben
verfallen, ein passendes Argument gefunden zu haben. Sicher, starker Blutverlust
kann einen komatösen Zustand herbeiführen, in dem die betreffende
Person Trugbilder wahrnehmen kann. Aber: Um in einen solchen Zustand zu
fallen ist, abhängig von der Physiologie des jeweiligen, ein Blutverlust
von ein bis zwei Liter nötig. Auch wenn während des Ritus sicherlich
starke Blutungen vorkamen, wird der Blutverlust nie derartig groß
gewesen sein, das hängt schon allein mit dem Bau der jeweiligen Organe
zusammen. Die Maya werden sicher nach dem Auffangen einer ausreichenden
Blutmenge die Wunde bandagiert haben. Zum andern ist bei einem solchen
Blutverlust, die Formulierung „komatöser Zustand“ deutet es schon
an, die Schwelle zum Tod erreicht oder vielleicht bereits überschritten.
Dieses Risiko wird sicherlich keiner der Opfernden eingegangen sein.
Alle von Linda Schele und Mary E. Miller vorgeschlagenen Erklärungen
für das Eintreten von Halluzinationen beim Blutopfer sind also entkräftet
worden. Trotzdem sollte man an dieser Stelle nicht annehmen, daß
es unmöglich war, für den Ritus Halluzinationen zu erzeugen.
Wie man bereits gesehen hat: Die Hypoglykämie als Folge des Fastens
kann bereits Trugbilder formen, auch wenn der Erfolg zweifelhaft war.
"But the Maya also knew that drawing large amounts of blood would, without the help of other drugs, produce visions [...]."
(Schele u. Miller 1986: 177) ist einer der Kernsätze der „medizinischen“ Begründung aus „The Blood of Kings“. Meiner Meinung nach sind es grade die Drogen, die, vor allem in Wechselwirkung mit den anderen Faktoren, zu denen auch der Tanz und das Verbrennen der Opfergaben gehörten, das Auftreten der ersehnten Vision förderten.
Der rituelle Tanz wurde in manchen Fällen nach dem Blutopfer vollzogen,
bevor die Opfergaben verbrannt wurden. Nähere Angaben über Inhalte
und Abläufe der Tänze sind nicht zu machen. Ebenso kann man keine
Verknüpfungen zwischen dem Blutopferritus und verschiedenen ikonographisch
nachweisbaren Tänzen herstellen. Es scheint zwar einigermaßen
gesichert zu sein, daß eine Beziehung zwischen dem Schlangentanz
und der Selbstenthauptung bestand (Riese 1999: persönliche Mitteilung),
wie man in Palenque nachweisen konnte, konkrete Zusammenhänge zwischen
Blutopfer, Vision und Tanz konnten bisher nicht ausgemacht werden. So mußte
auch meine Vermutung, der Tanz mit dem K‘awil- oder Gott K-Szepter
(Grube 1992: 209) würde in Beziehung zum Blutopfer stehen, aufgrund
von fehlenden Beweisen wieder aufgegeben werden.
Für die speziellen Anlässe existierten verschiedene rituelle
Bekleidungen. Die häufigste Form war eine geschnittene oder zerrissene
Papier- oder Baumwollkleidung. Um den Hals wurde als Kragen ein Seil getragen.
Durch die Ohren konnten ebenfalls Papierstreifen gezogen sein. Das Haar
wurde offen getragen, in der Art, wie man sie sonst bei Darstellungen von
Gefangenen sieht. Diese Aufmachung sollte die Rolle des am Ritus Beteiligten
als demütigen Büßer zeigen, unabhängig vom sozialen
Stand der Person (Schele u. Miller 1986: 180).
Es existieren aber auch viele Darstellungen, welche die Ritusteilnehmer
in prächtigen Kostümen zeigen. Türsturz 24 (Abb. 4) zeigt
uns Frau Xok eingekleidet in einen prächtigen huipil,
auf dem Kopf ein Putz geschmückt mit einer Tlaloc-Maske, Quasten
und Federn. Ihre Schultern sind bedeckt mit einer schweren Halskette, vermutlich
aus Jade, darüber ein Pektoral. Die Handgelenke sind geschmückt
mit großen Manschetten.
Aber auch Männer trugen elaborierte Kleidungsstücke, wie
man auf den hier vorgestellten Artefakten erkennen kann: Lendenschürze
und Gewänder aus Baumwolle oder Überwürfe aus Jaguarfell.
Dazu gehörte ein ausladender Kopfputz, bestehend aus diversen Materialien
wie etwa Stuck, Holz oder Papier, geschmückt mit Quetzalfedern, Quasten,
aber auch ausgestopften Vögeln oder Schrumpfköpfen. Besonders
schöne Beispiele sind auf zahlreichen Vasenmalereien zu erkennen.
Manche dieser Kopfbedeckungen scheinen dem Umfang nach ein beträchtliches
Gewicht erreicht zu haben. Hand- und Fußgelenke wurden mit aufwendigen
Manschetten geschmückt, an schweren Gürteln hingen weitere Schmuckstücke
wie beispielshalber Götterfiguren oder auch Schrumpfköpfe.
Unter Umständen kann ein vollständiges Ornat beim Tanz den
Erschöpfungszustand begünstigt haben, vielleicht aufgrund des
schweren Kopfputzes oder hitzestauender Wirkung einzelner Kleidungsstücke.
Da im Zusammenhang mit den hier vorgestellten Handlungen im allgemeinen
die ahaoob die Protagonisten der öffentlichen Riten waren,
zeigen die Abbildungen ausschließlich Männer, die am Tanz im
Ornat nach dem Blutopfer beteiligt sind. Einen solchen Tanz stellt Raum
3 in Bonampak dar. Hier schien die Kleidung vorgeschrieben zu sein: Am
Penis wurden lange Papierbögen befestigt, die sich während eines
wirbelnden Tanzes mit Blut sättigten. Das durch den Tanz, wie Linda
Schele und Mary E. Miller schreiben, das Blut infolge der Zentrifugalkraft
in diese Bögen gepreßt wurde (Schele u. Miller 1986: 181, 193
u. 204 f.) erscheint mir aber aufgrund der geringen Rate, mit der die betreffenden
Personen sich drehten, unwahrscheinlich. Da es sich um Papierbögen
handelte, kann man als Erklärung am besten die Saugwirkung infolge
der Kapillarkraft suchen. Insgesamt kann man sich den Ablauf vielleicht
so vorstellen, daß der ahaw nach Vollzug des Opfers im Tempelinnern
auf die Tempelplattform heraustrat, während unten auf der Plaza der
übrige Adel und das Volk, ebenfalls mit Papierkleidung kostümiert,
gleichermaßen Blut opferten und tanzten. Musikanten spielten auf
Flöten, Rasseln, Trommeln und Trompeten aus Holz oder großen
Schneckenhäusern, dazu wirbelten Tänzer über den Platz.
Dann schloß der ahaw sich dem Treiben an und verrichtete oben
auf der Tempelplattform seine Aufführung.
Wie Schele und Miller richtig vermuteten (Schele u. Miller 1986: 178),
können bei derartigen Zusammenkünften Fälle von kollektiver
Trance oder Massenhysterie auftreten. Inwieweit exzessives Tanzen auf die
Psyche einwirkt, kann man auch sehr leicht in unserer Techno-Kultur beobachten.
Die Mechanismen haben sich nicht verändert. Es handelt sich um eine
monoton-rythmische Stimulation durch die Musik in Verbindung mit Tanz.
Die in Discos gerne verwendeten Lichtorgeln und Stroboskopblitze könnten
damals durchaus ihr Pendant in den bunt geschmückten Ritusteilnehmern
gehabt haben. Entscheidend ist das, was von Medizinern als „Reizüberflutung“
bezeichnet wird, die Menschen „ertrinken“ geradezu in dem ungewöhnlich
starken sensorischen Input. Welche Mechanismen im Gehirn genau wirken,
konnte die Forschung noch nicht hinreichend erklären.
Die während des Opfers mit Blut getränkten Schnüre und
Papierstreifen wurden während des Hindurchziehens durch die perforierten
Körperteile in eine Opferschale oder einen Korb herabgelassen, gefüllt
mit weiterem Opferpapier und weiteren Beigaben. Favorisiert waren Kugeln
aus Kautschuk des Gummibaums (Castilla elastica, yuk.: k’ik‘ché)
und dem Weihrauch des Copalbaums (Protium copal u. schipii,
yuk.: pom). Das Harz des Copalbaums besitzt darüber hinaus
noch halluzinogene Eigenschaften (Grube 1999: persönliche Mitteilung).
Diese Beigaben wurden verbrannt in einer offenen Kohlepfanne, die z.T.
eine Aufsatz in Form einer Göttermaske (die sog. Incensarios)
tragen konnte, wobei der Rauch durch Öffnungen an Stelle des Mundes
und der Augen entweichen konnte. Derartige Gegenstände wurden archäologisch
vielfach nachgewiesen. In den aufsteigenden Rauchschwaden, den für
die Götter „mundgerecht“ zubereiteten Opfergaben, sollte sich dann
die Visionsschlange zur Kommunikation mit dem Übernatürlichen
manifestieren. Der Begriff der Visionsschlange soll hier aufgrund seiner
Geläufigkeit beibehalten werden, auch wenn man mittlerweile weiß,
daß die Visionsschlange eigentlich einen Tausendfüßler
darstellt (Prager 1999: persönliche Mitteilung).
Abb. 7: Yaxchilán, Türsturz 25.
Tausendfüßler, so berichten Ausgräber, drängen sich in einem frisch geöffneten Grab zu Dutzenden, ein Umstand, der bestimmt auch den alten Maya bekannt war. Eine Assoziation mit der Erscheinung von Verstorbenen ist somit plausibel. Auf Türsturz 25 aus Yaxchilán (Abb. 7, Tab. 2) kann man sehen, wie Frau Xok nach der Durchführung des Blutopfers die aus der Opferschale aufsteigende Visionsschlange anstarrt, aus deren Rachen sich der Dynastiegründer von Yaxchilán, Yat Balam, in Kriegstracht mit Schild, Speer und Ballonkopfputz zeigt.
| A1 | 5 eb 4 mak | 5 Eb 4 Mak [9.12.9.8.1, 23. Oktober 681] |
| B1 | u tzakaw k‘awilal | er beschwört herauf die „übernatürliche“ Erscheinung |
| C1 | u tok‘ pakal | des Feuerstein-Schildes von |
| D1 | ah k’ak‘ o chak | Ah K’ak‘ O Chak [Bezeichnung für die Figur im Schlangenrachen] |
| E1 | u k‘uhul tzak | es ist seine göttliche Beschwörung |
| F1 | kan k‘atun ahaw | 4 Katun Herrscher |
| F2 | itzamnah balam | Schild-Jaguar |
| F3 | u chanul ah nik | er ist der Ergreifer [von] Ah Nik |
| F4 | k‘ul ahau siyah ka’an bakab | Heiliger Herrscher von Yaxchilán Bakab |
| G1 | u bah ixik ol | sie, die inmitten [Titelphrase von G1 bis H1] |
| G2 | ch’ok-te-na ? | des Dynastiegründerhauses |
| H1 | ch’ahom | eine Substanz vergießt |
| I1 | ixik k‘abal xok | Frau K‘abal Xok |
| I2 | u yoktel | [es ist] ihr „Auftritt“ |
| I3 | tan ha siyah ka’an | auf der Plaza von Yaxchilán |
Tab. 2: YAX, L. 25, Inschrift (Transliteration und Übersetzung: Christian Prager und Sven Gronemeyer)
Da die Maya kulturell konditioniert waren, in den Rauchwolken des Opferfeuers
die Visionsschlange als Manifestation des Kontakts mit dem Übernatürlichen
zu sehen, war die Erzeugung einer kollektiven Trance verbunden mit den
physischen Erschöpfungszuständen der Teilnehmer sicher mit ein
Anlaß für das Entstehen von Trugbildern, nicht nur für
den ahaw, der dies aber mit Sicherheit am intensivsten erlebte:
er hatte sich durch Fasten vorbereitet, nahm vor Beginn des Ritus Halluzinogene
zu sich und vollführte das Blutopfer. Auch die übrigen Menschen,
die sich vielleicht zu Tausenden am Fuße des Tempels versammelt hatten,
schaukelten sich gegenseitig hoch. Wenn einer in dem Glauben war etwas
zu sehen und voller Erregung lauthals seine Erfahrung kundtat, kann das
andere dazu veranlaßt haben, ebenfalls etwas zu sehen, so kann die
kollektive Trance wie bei einer Kettenreaktion schließlich alle erfaßt
haben. Letzten Endes kann man das Erscheinen der Visionsschlange im aufsteigenden
Rauch des Feuers im einfachsten Fall als Illusion auffassen, in der etwas
Reales umgedeutet wird. Inwieweit man darin auch noch eine Vision erkennen
kann, hängt von der Schwere der Trance und nicht kalkulierbaren individuellen
Reaktionen ab.
Die gemeinsame Erfahrung des Kontakts mit dem Übernatürlichen
kann noch eine gesellschaftliche Dimension haben, die nicht unbedingt mit
dem rituellen Kontext in Zusammenhang stehen muß: Das Erlebnis kann
eine sozial einende Funktion haben, spannungsabbauend und integrativ wirken,
ein Phänomen welches auch von Marienerscheinungen bekannt ist, prinzipiell
ein ähnlicher Vorgang wie der hier vorgestellte.
Zuletzt soll hier auf den Einfluß von Drogen auf den Organismus
eingegangen werden, und in welcher Art und Weise sie bewußtseinsverändernde
Zustände hervorrufen. Im Gegensatz zu europäischen Breiten bietet
die mittelamerikanische Flora eine ganze Reihe von Pflanzen mit psychotropen
Substanzen und auch einige Tiere enthalten entsprechende Stoffe. Im folgenden
soll einfach eine Auflistung der wichtigsten Lieferanten von Halluzinogenen
folgen.
Die zubereiteten Drogen, oftmals ein ganzer Cocktail von verschiedenen
Stoffen, wurden vor Beginn des Rituals eingenommen. Eine Kombination von
verschiedenen Drogen kann ganz verschiedene Auswirkungen haben: Wirkungen
können sich verstärken, aber auch aufheben. Meiner Meinung nach
waren sie primär für halluzinogene Erfahrungen ursächlich
oder haben diese zumindest sehr unterstützt. Grundsätzlich gab
es zwei verschiedene Arten, die Drogen zu nehmen: oral als Getränk,
Brei oder Samenkörner und anal als Einlauf. Auf Keramiken finden sich
sehr häufig Klistierszenen (Abb. 8). Für den Genuß von
Tabak stand darüber hinaus noch die Form des Rauchens oder Schnupfens
zur Verfügung.
Abb. 8: Klistierszene auf einer Keramik.
Bei der Aufnahme der Drogen gelangen die enthaltenen Alkaloide über
das Blut in das Gehirn. Zum Schutz der Hirnfunktionen vor gefährlichen
Veränderungen aufgrund chemischer Ungleichgewichte verfügt das
Gehirn über die sog. Blut-Hirn-Schranke. Ihre Funktionsweise beruht
auf der vergleichsweise geringen Permeabilität der Blutkapillaren
des Gehirns. Für die Atemgase sind sie durchlässig, nicht jedoch
für komplexe Moleküle mit hoher molarer Masse, wie etwa Elektrolyte,
Aminosäuren, Glukose und eben Halluzinogene. Wenn überhaupt ein
Austausch möglich ist, dann nur über bestimmte aktive Transportsysteme
(Löffler 1994: 471), wie spezielle Carrierproteine. Wie einzelne Halluzinogene
diese Barriere überwinden, ist teilweise noch nicht ganz geklärt.
Chemische Verwandtschaft zu körpereigenen Stoffen könnte hilfreich
sein, etwa wie im Falle von Endorphinen und Opiaten.
Die Frage nach der Gewöhnung, Abhängigkeit und eventuellen
Entzugserscheinungen ist nicht leicht zu beantworten. Generell kann man
sagen, daß dies von Droge zu Droge und auch von Individuum zu Individuum
unterschiedlich ist. Die Gewöhnung und die Abhängigkeit sollen
hier nur kurz erwähnt werden, da ich glaube, daß die Maya aufgrund
der Einbettung der Halluzinogene in den Ritus diese nicht als Suchtmittel
sondern ausschließlich für die Vorbereitung zum Ritus verwendeten.
Etwas ähnliches konnte man bei den Azteken beobachten, wo es nur alten
Menschen über 70 Jahren vorbehalten war, das als Pulque bekannte Agavenbier
zu uneingeschränkt zu konsumieren, jüngeren durften es nur im
rituellen Kontext verwenden. Bei Drogenkonsumenten in unserer heutigen
Zeit zeigt sich, daß bei konstantem Gebrauch von Drogen eine gewisse
Toleranzbildung eintritt, die mit der Zeit nach immer größeren
Dosen zur Suchtbefriedigung verlangt. Ebenso muß man Unterschiede
bei der Abhängigkeit machen: einige Drogen verursachen eine psychische,
andere eine körperliche Abhängigkeit, manche Menschen werden
davon auch überhaupt nicht beeinflußt. Obwohl auch bestimmte
Alkaloide oder chemisch ähnlich strukturierte Substanzen der unten
aufgeführten Halluzinogene in heute bekannten Drogen enthalten sind,
sollte man keine Rückschlüsse von diesen auf die Halluzinogene
der Maya treffen. Aufgrund anderer Konzentrationen oder weiterer Alkaloide
können sich verschiedene Reaktionen zeigen, manchmal spielt auch die
bisherige Erfahrung oder die Erwartungshaltung des Konsumenten eine Rolle.
Entzugserscheinungen werden bei den Maya nach Ende des Ritus wahrscheinlich
auch aufgetreten sein, doch werden die sich in Grenzen gehalten haben,
da sie keine ständigen Konsumenten waren. Auch hier zeigen sich wieder
drogenspezifische und individuelle Reaktionen, doch generell kann man Symptome
wie Tremor, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Übelkeit mit Erbrechen
und Depressionen erwarten.
Der Tabak war bei den präkolumbischen Völkern Mesoamerikas nicht uneingeschränkt kultischen Zwecken vorbehalten, sondern fand auch als Genußmittel Verwendung, wie man zum Beispiel sehr schön auf der Keramik Kerr #1728 (Abb. 9) sehen kann, wo in einer Palastszene ein Adliger leger an eine Wand angelehnt Tabak konsumiert. Obwohl er eigentlich kein wirkliches Halluzinogen ist, gibt es doch eine Reihe von Berichten von bewußtseinsveränderten Zuständen (De Smet 1985: 40). Zumindest können Schwindelgefühle auftreten, da Nicotin eine Verengung der Blutgefäße, und somit auch der im Gehirn, bewirkt, was eine Verminderung der Sauerstoffversorgung zur Folge hatte. Die für den Menschen letale Nicotin-Dosis liegt bei ca. 50 mg, der Tod tritt durch Versagen des Atmungsapparates innerhalb weniger Minuten ein. Der Einfluß des Nicotin beinhaltet eine wechselseitige Wirkung insbesondere auf das vegetative Nervensystem: es wirkt sowohl beruhigend als auch stimulierend durch die Ausschüttung von Adrenalin und anderen Hormonen. In hohen Dosen kann es Katatonie verursachen (De Smet 1985: 41). Katatonische Menschen wirken innerlich gespannt, sie sind zwar wach und reagieren auf äußerliche Einflüsse wie Berührung beispielsweise mit Blickkontakt, sind aber nicht in der Lage zu kommunizieren. Charakteristisch ist eine bizarre Körperhaltung, in der für gewisse Zeit verharrt wird, bevor der Körper wieder eine normale Stellung annimmt. Für die Dauer dieses Stadiums fehlen nachher jegliche Erinnerungen, daher kann man nur vermuten, daß Menschen in einem solchen Zustand vermutlich Sinnestäuschungen erleben.
Abb. 9: Tabakrauchen in einer Palastszene.
Während im zentralmexikanischen Raum und in Nordamerika Pfeifen aber auch Schnupf- und Kautabak verbreitet waren, so wurde Tabak im Maya-Gebiet zumeist in Form von Zigarren und Zigaretten konsumiert (Robicsek 1978: 399 f.). Tabak, eine Mitglied der Familie der Nachtschattengewächse, ist wahrscheinlich von den Maya domestiziert worden. Angebaut wurden zwei Arten, Nicotiana tabacum und rustica (yuk.: k'utz) (Rätsch: 1994: 226). Die Blätter wurden getrocknet und fermentiert, um den Tabak milder zu machen. Hierbei entstehen auch die charakteristischen Aromastoffe. An der Luft getrocknete Tabake, wie sie auch heute noch für Zigarren benutzt werden, haben einen niedrigen Zuckergehalt und variieren in ihrem Nicotingehalt. Insgesamt macht das Nicotin als Hauptalkaloid etwa 95% des gesamten Alkaloidgehalts des Tabak aus. Der Nicotingehalt der damaligen Tabake wird in etwa den gleichen Anteil gehabt haben. Die Nicotinkonzentration von N. tabacum kann zwischen 0,6% und 9% schwanken, in heutigen handelsüblichen Zigarettentabaken liegt der bei 3% (De Smet 1985: 41). N. rustica hat einen weitaus höheren Gehalt, der für mexikanische Sorten von 1,9% bis 18,8% reichen kann. Nicotin (C10H14N2) gehört in die Gruppe der Pyridin-Alkaloide (Abb. F), zusammen mit ihm sind aus dieser Gruppe noch Anabasin, daß eine ähnliche Wirkung wie Nicotin entfaltet, Anatabin, 2,3‘-Dipyridil, Myosmin, Nicotellin, Nicotyrin und Nornicotin vertreten (De Smet 1985: 41).
Abb. F: Wichtige Vertreter der Pyridin-Alkaloide.
Kolonialzeitliche Quellen berichten davon, daß der getrocknete
Tabak kleingeschnitten zur Herstellung von Zigarren in Deckblätter
der Tabakpflanze oder des Nancé-Baumes (Malpighia glabra,
yuk.: chi‘) gewickelt wurde. Die Zigarren weisen den ikonographischen
Quellen nach meist eine kleine Form auf, aber es gibt auch Abbildungen
mit solchen, die lang wie ein Fabrikschornstein geformt sind. Vielleicht
sind die klein dargestellten auch nur das Abbild von abgebrannten Stumpen.
Nach Thompson waren die etwas kleineren Zigaretten, auf Vasenmalereien
weiß dargestellt, mit Maishülsen umhüllt (Robicsek 1978:
404).
Thompson beschreibt auch die Herstellung von Zigarren anhand eines
yukatekischen Almanachs (Robicsek 1978: 402): Blätter des Zapotebaumes
(Achras zapote) oder, in der Region von Chichanha, Blätter
des Nelkenpfefferbaumes (Pimenta officinalis) wurden um einen dünnen,
langen Stock gerollt und mit Garn gebunden. Eine dickflüssige Paste
aus Pulver von verkohlten Cocom-Knollen (einer nicht identifizierten
Pflanze), Süßkartoffel- (Ipomoea batatas) und Maisgrütze
(Zea mays) und ein wenig Honig wurde hergestellt und auf die Blätterrolle
aufgetragen, abgesehen von einem Ende für das Mundstück. Nach
dem Trocknen wurde der Stock entfernt und statt dessen Tabak eingefüllt.
Es wird auch angenommen, daß Tabak ein Bestandteil von rituellen
Einläufen gewesen sein konnte (De Smet 1985: 40).
Als wirklicher halluzinogener Stoff war der Balche-Baum (Lonchocarpus
violaceus) aus der Familie der Baumleguminosen wohl am bedeutendsten.
Der aus ihm gewonnene Zeremonialtrunk wird wohl in den meisten ethnohistorischen
Quellen erwähnt (vgl. Landa 1990: 51 f.) und wird auch heute noch
von den Maya in Yucatán bei Regen- und Feldbauzeremonien verwendet
(Rätsch 1994: 217). Er wurde zubereitet aus Wasser, Honig der einheimischen,
stachellosen Bienen und der Rinde des Balche-Baumes. Anschließend
gärte das Getränk zwei Tage. Es ist nur schwach alkoholisch (3-6%
vol. Alc.), ist aber durch die Balche-Rinde stark stimulierend und
hat psychotrope und aggressionsabbauende Wirkung. In der Rinde enthalten
sind psychoaktive Longystiline, die stark emotionalisierend wirken (Rätsch
1994: 23f., 228 f.). Der Balche-Trunk konnte, ebenso wie Pulque
mit einem ähnlichem Alkoholgehalt, sowohl oral als auch anal über
Einläufe eingenommen werden, wie zahlreiche kolonialzeitliche Quellen
v.a. für die Huaxteken, aber auch für die Azteken berichten.
Für das Maya-Gebiet ist diese Praxis von klassischen Keramiken bekannt
(De Smet 1985: 21).
Ebenfalls aus der Familie der Baumleguminosen stammt der Zampontli-
oder Korallenbaum (Erythrina americana, yuk.: k‘ante). Dessen
Bohnen wurden als Aphrodisiakum und Traumdroge genutzt. (Rätsch 1994:
224 f.).
Die „Blume des Mondes“ (Ipomoea sp. cf. bonanox, yuk.: lol
kolebil) ist eine Ackerwindenart, aus der ein Getränk zubereitet
wurde. Im Libro de Judío, einer Quelle aus dem 17. Jahrhundert,
heißt es von ihr, daß sie in höheren Dosen genossen das
Nervensystem schädigt und zu vorübergehender Verrücktheit
oder langwierigem Schwachsinn führt (Rätsch 1994: 228).
Die Weiße Seerose (Nymphaea ampla, yuk.: naab oder
nikté
ha) aus der Familie der Seerosengewächse wurde auch als wichtiges
Halluzinogen genutzt und unter anderem dem Balche-Trunk hinzugesetzt,
um ihn stark genug für die Jaguarpriester zu machen, die sich damit
in ekstatische Zustände versetzten (Rätsch: 1994: 228 f.). Im
Codex Dresdensis sind Andeutungen von Paraphernalien im Zusammenhang mit
der Seerose vorhanden, dies könnte darauf hindeuten, daß die
Pflanze entweder als Getränk oder als Pulver weiter verwendet wurde
(Dobkin de Rios 1984: 126). Eine afrikanische Art, Nymphaea caerula
sav., wird bei einigen Stämmen als Narkotikum benutzt, und von
der Lotuspflanze Asiens (Nelimbo lucifera) weiß man, daß
sie opiatähnliche Alkaloide enthält (Dobkin de Rios 1984: 124).
Eines davon ist Aporphin, chemisch verwandt mit Apomorphin, einem morphinähnlichen
und sehr starkem Emetikum. Es wirkt im verlängerten Mark (Medulla
oblongata) und verursacht ein lang anhaltendes Erbrechen. Nachdem die
emetische Wirkung aussetzt, folgt eine träumerische und teilnahmslose
Periode, vielleicht mit halluzinogenen Effekten (Dobkin de Rios 1984: 127).
Abb. G: Strukturformel des Atropins.
Obwohl eigentlich nicht in Amerika heimisch, wird die Tollkirsche (Atropa belladonna, yuk.: xtz‘un yail) im Libro de Judío erwähnt und ist sonst nur aus medizinischen Texten bekannt. Die Frucht enthält halluzinogene und narkotisierende Alkaloide aus der Tropan-Gruppe. Hauptvertreter ist das Atropin (C17H23NO3, Abb. G). Es macht die Zellen infolge einer konkurrierenden (kompetetiven) Verdrängung des Neurotransmitters Azetylcholin von den Rezeptoren der Erfolgsorganzellen z.T. oder ganz für diesen unempfindlich (Abb. H). Es hemmt also die Wirkung des parasympathischen Nervensystems und erregt das sympathische Nervensystem, d.h. es bereitet den Körper auf körperliche Anstrengungen vor (Anregung der Herztätigkeit, Erweiterung der Atemwege, Kontraktion der Arterien, Hemmung des Verdauungsapparates). Für eine Atropin-Intoxikation ist die individuell toxische Dosis sehr variabel. An Symptomen können trockene Schleimhäute verbunden mit einer Sprechstörung, trockene, gerötete Haut, Lichtempfindlichkeit aufgrund weiter, starrer Pupillen, Fieber, Tachykardie (Herzrasen) und eine zentralnervöse Erregbarkeitssteigerung mit Ruhelosigkeit, Verwirrtheit und Halluzinationen mit erotischen Momenten und Vorstellungen von Tiergestalten (Mandl 1974: 132) auftreten, später folgt Somnolenz (Schläfrigkeit) und Koma (Zink 1986: 149). Azetylcholin ist ein Neurotransmitter v.a. für das vegetative Nervensystem und kommt an den motorischen Endplatten in der Muskulatur vor (Zink 1986: 160).
Abb. H: Wirkungsweise von Atropin auf den Azetylcholinzyklus.
Ebenfalls nur aus medizinischen Texten bekannt ist der Stechapfel oder
Toloache (Datura stramonium und inoxia, yuk.: xtohk‘u
oder telezk‘u) aus der Familie der Nachtschattengewächse zur
Heilung von Rheumatismus, Asthma, Nervenleiden, Kopfschmerzen und (entzündlichen)
Wunden. Alle Arten enthalten verschiedene Tropan-Alkaloide (De Smet 1985:
36). Obwohl bei den Azteken im Ritus verwendet, schweigen die Quellen für
das Maya-Gebiet über die eindeutige religiöse Bedeutung. Die
Blätter galten als Aphrodisiakum und wurden zum Teil zusammen mit
Tabak geraucht (Rätsch 1994: 233 f.). Sie enthalten, ebenso wie die
Samen, zumeist Scopolamin, daß eine beruhigende, krampflösende,
in höheren Dosen lähmende Wirkung hat. Es kann auch als Mittel
gegen Erbrechen (Antiemetikum) verwendet werden. Weitere Bestandteile sind
Hyoscyamin, die optisch aktive Form des Atropins (Spiegelbildisomer an
einem asymmetrischen C-Atom) und Meteloidin (De Smet 1985: 36) Für
länger andauernde Intoxikationen ist Datura in Form von Einläufen
wirksamer als eine orale Aufnahme (De Smet 1985: 36).
Wahrscheinlich verwendeten die Maya auch Pilze der Gattung Kahlkopf
(Psilocybe spec.) (Dobkin de Rios 1984: 177 f.), deren Gebrauch
v.a. aus Zentralmexiko bekannt ist und die dort als Teonanacatl
(aztek.: „Götterpilz“, Übersetz. d. Verf.) bekannt sind. Vor
dem Genuß wurden die Pilze über einer Räucherschale mit
Kopalharz, das ja auch halluzinogene Stoffe enthält, erwärmt
und sodann gegessen (Mandl 1974: 135). Der entstehende Rausch dauert etwa
sechs Stunden und ist ähnlich wie nach der Einnahme von LSD. Er beinhaltet
Bild-, Farb- und Formhalluzinationen, danach folgt ein traumloser Schlaf.
Die verantwortlichen Alkaloide sind Psilocybin und Psilocin, die bereits
in Dosen von wenigen Milligramm wirken.
Aus dem Hautsekret der Aga- oder Riesenkröte (Bufo marinus) wurde ein Absud hergestellt. Die etwa 20 cm große Kröte wurde als Bote der Regengötter gesehen. Das Sekret enthält Bufotenine, die blutdrucksteigernd wirken und gefährliche Einflüsse auf das cardiovasculäre und Zentralnervensystem haben, und deshalb nur in geringen Dosen genommen werden können (Dobkin de Rios 1984: 120). Das Sekret wurde pur konsumiert oder dem Balche-Trunk für die Jaguarpriester hinzugegeben und entfaltet halluzinogene Wirkungen (Rätsch 1994: 23 f.). Chemisch verwandt sind die Bufotenine mit den polyzyklischen Mutterkorn-Alkaloiden, aus deren Hauptalkaloid, der Lysergsäure, auch LSD synthetisiert wird. Bufotenin läßt sich noch in den Samen von Anadenanthera perigrina und dem cohoba-Schnupfmittel der Westindischen Inseln nachweisen (Dobkin de Rios 1984: 120). Auch wenn der Gebrauch von Krötensekreten in der Klassik nicht nachweisbar ist, so kann man diese Praxis doch vermuten.
Aufgrund der oben im einzelnen aufgeführten Aspekte kann man zu
folgender Schlußfolgerung kommen: Weniger das Blutopfer als zentraler
Bestandteil des Ritus sondern vielmehr das weitere Umfeld dieser kultischen
Handlung waren tatsächlich in der Lage, bewußtseinsverändernde
Zustände von der Schwere hervorzurufen, daß die betroffenen
Teilnehmer im einfachsten Fall Trugbilder bis hin zu komplexen Visionen
wahrnahmen. Die eine entscheidende Ursache dafür ist, vielleicht einmal
abgesehen von bestimmten individuellen Fällen aufgrund unterschiedlicher
Physiologie, mit Sicherheit nicht zu finden, sondern einer Verkettung mehrerer
einzelner Elemente.
Wie oben im einzelnen aufgeführt wurde, waren die meisten Einzelfaktoren
unter Umständen bereits in der Lage, Halluzinationen hervorzurufen.
Summiert man diese jetzt zusammen, kann man ein beachtliches Potential
erkennen: Tage des Fastens als Vorbereitung, die Einnahme einer oder eine
Kombination mehrerer Drogen vor Beginn des Rituals, das Blutopfer als Kern
der Handlungen, den daran anschließenden Tanz und als Abschluß
das Verbrennen der Opfergaben.
Besondere Bedeutung muß den Halluzinogenen zugekommen sein, da
sie auf den Organismus die ausgeprägteste Wirkung entfalten. Viele
von ihnen rufen starke Trancen hervor, einige von ihnen schädigen
bereits in geringen Dosen das Nervensystem oder verursachen den Tod. Aber
auch der Tanz hatte eine gewaltige Kraft, erfaßte er doch bei den
öffentlichen Riten nicht nur den ahaw als Protagonisten, sondern
auch die unzähligen Zuschauer, die sodann in kollektiver Trance dem
Höhepunkt entgegentanzten: dem Verbrennen der Opfergaben. Vor dem
Hintergrund der kulturellen Konditionierung, der „Massenhysterie“ und der
mittlerweile aufgetretenen Erschöpfung konnten alle die Illusion erleben,
daß in den aufsteigenden Rauchschwaden des Opferfeuers sich die Visionsschlange
erhebt und sich ein Tor zur Sphäre des Übernatürlichen aufgetan
hat.
Somit erfüllte das Blutopfer seinen Zweck für die Maya: in
ihren Vorstellungen ernährte es die Götter, und als Gegenleistung
hielten sie die Menschen am Leben und traten bei dieser Gelegenheit mit
ihnen in Verbindung. Der Fortbestand der Welt blieb gesichert.
Für seine großzügige Unterstützung möchte
ich herzlichen Dank an Berthold Riese richten, ohne den diese Darstellung
niemals vorliegenden Umfang angenommen hätte und der mir in jeder
Phase der Arbeit mit Hinweisen zur Durchführung und kritischer Beurteilung
zur Seite gestanden hat. Ebenso hat mir Nikolai Grube einige zusätzliche
Einsichten und neue Blickwinkel eröffnet. Und für ihre zusätzliche
Hilfe möchte ich mich noch bei meinen Kommilitonen Christian Prager,
der mich vor allem bei der Bearbeitung der Inschriften unterstützt
hat und mir auch sonst geholfen hat, die Sachverhalte noch einmal kritisch
zu reflektieren, und Alexander Voss bedanken.
Bei der kompetenten Beratung in medizinischen Fachfragen konnte ich
mich auf das Wissen von: Rainer Brocksieper, Arzt für Innere Medizin
in Halver, den Doktoren Harald Heusler, Oberarzt der Neurologischen Abteilung,
Udo Pfennig, Oberarzt der Psychiatrischen Abteilung, und Doris Bartels,
Oberärztin der Psychosomatischen Abteilung am Kreiskrankenhauses Hellersen
in Lüdenscheid verlassen. Für ihre freundliche Unterstützung
danke ich weiterhin Kerstin Eva-Maria Becker von der Krankenhausverwaltung
und Julika Bauckhage von der Studentenbibliothek des Hauses.
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