Zusammenfassung

Der Text gibt eine Übersicht über die Entwicklung und Funktionsweise der Mayaschrift und berücksichtigt dabei auch das Kalendersystem und die Zahlen. Weitere Abschnitte behandeln die schriftlichen Quellen und die Geschichte der Entzifferung.

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Seminar für Völkerkunde


Sven Gronemeyer

Das Schriftsystem der Maya

Hausarbeit im Rahmen des Proseminars "Schriftsysteme Amerikas"
unter der Leitung von PD Dr. Nikolai Grube, SS 99


 

INHALTSVERZEICHNIS

1. ENTWICKLUNG DER MAYA-SCHRIFT

Die Monte-Albán-Kultur
Izapa und der Fund von La Mojarra
Die weitere Entwicklung im Maya-Land

2. AUFBAU UND BESTANDTEILE DER MAYA-SCHRIFT

Logogramme
Syllabogramme
Phonetisches Komplement
Determinative
Kombination von Zeichen
Homophonie
Emblemglyphen und sonstige Titel
Ereignisglyphen
Zahlensystem und Kalender
Syntax und Textgestaltung

3. DIE SCHRIFTLICHEN QUELLEN

Die öffentlichen Monumente
Die Codices
Keramiken

4. ENTZIFFERUNG DER MAYA-SCHRIFT

Das Landa-Alphabet
Erste Entzifferungsversuche
Die Hegemonie von Thompson
Der phonetische Ansatz
Rückblick und Ausblick

5. LITERATUR


1. ENTWICKLUNG DER MAYA-SCHRIFT

Die Monte-Albán-Kultur

Eine Vorläuferform der Maya-Schrift entstand um etwa 700 v. Chr. in Oaxaca. Auf Steinmonumenten der zapotekischen Monte-Albán-Kultur finden sich erste Anzeichen eines Schriftsystems. Aufgezeichnet wurden hier Hieroglyphen für Tage aus dem 260-tägigen Ritualkalender, der bei den Maya unter dem Namen Tzolkin bekannt ist. Verbunden wurden diese Daten mit historischen Ereignissen der zapotekischen Herrscher (Coe 1995: 90). Sie berichten von kriegerischen Auseinandersetzungen der verschiedenen Häuptlingstümer, Gefangennahmen, Opferungen und nennen die Namen der beteiligten Personen (vgl. Marcus, J.: The first appearance of Zapotec writing and calendrics. In: Flannery, K.V. und J. Marcus (ed.): The Cloud People. S. 91-96. London, 1983.).

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Izapa und der Fund von La Mojarra

Ausgehend vom zapotekischen Hochland verbreitete sich der Kalender und das Schriftsystem über die späten Olmeken in verschiedenen archäologischen Zentren südlich des Isthmus von Tehuantepec bis zur olmekischen Peripherie im Hochland von Guatemala mit ihren wichtigen Zentren Abaj Talik, Kaminaljuyú und El Baúl. Monumente mit ersten narrativen Texten mit Kalenderdaten im Long Count stammen in der erstgenannten Region aus 50 v. Chr. bis 200 n. Chr. (Grube 1992: 222). An der mexikanischen Golfküste bildeten sich einige hochkomplexe Schriftsysteme. An der Pazifikküste von Chiapas und Guatemala ent-standen Häuptlingstümer, die zu Ehren ihrer Herrscher Stelen mit einer größtenteils noch unlesbaren Schrift errichteten. Diese als Izapa-Stil bezeichneten Inschriften geben Ereignisse mit Daten der Kalenderrunde und des Long Count wieder.
Im Jahre 1986 wurde bei La Mojarra eine mit über 400 Hieroglyphen beschriebene Stele entdeckt, die ein Datum aus dem Jahr 156 n. Chr. trägt (Abb. 1). Die Zeichen haben Ähnlichkeiten mit den Maya-Hieroglyphen, scheinen aber nicht mit ihnen verwandt zu sein. Das System arbeitete wahrscheinlich bereits mit Silbenzeichen und gibt einen Text in Proto-Zoque wieder. Ein Teil konnte bereits entziffert werden. (Grube 1992: 219, 222).

Abb.1: Die Stele von La Mojarra (Grube 1992: 219)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die weitere Entwicklung im Maya-Land

Aus der olmekischen Peripherie gibt es aus der Protoklassik Beispiele, daß in Inschriften Maya-Wörter vorkommen, auch wenn nicht bekannt ist, welche der 31 verschiedenen Maya-Sprachen in dieser Region gesprochen wurde. Inwieweit die Hieroglyphenschrift ihren Ursprung bei den Epi-Olmeken hat, kann nicht hinreichend beantwortet werden (Riese 1990: 105).
Die Maya des Tieflandes kannten noch keine Hieroglyphenschrift. Zur Zeit des ausgehenden Protoklassi-kums wurden die ersten großen Stadtanlagen angelegt, deren Bauwerke häufig mit großen Stuckmasken verziert waren. Diese Masken, die man beispielsweise in El Mirador, Uaxactún, Nakbé oder Cerros fand, weisen ikonographische Merkmale auf, die später Eingang in die Schrift fanden. Die ersten schriftlichen Zeugnisse im Tiefland stammen aus den neu erblühten Zentren des Frühen Klassikums. Die älteste monumentale Inschrift mit einer Long Count-Angabe ist Stele 29 aus Tikal, die auf den 08.07.292*  n. Chr. datiert (mit * bezeichnete Daten wurde mit Hilfe des Kalenderprogramms "Mayan Calendrics" berechnet, Grundlage ist die Korrelation T 583.285). Kleingegenstände, die aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung stammen, sind von Archäologen entdeckt worden.
Die Maya-Schrift entstand also aus einem multikulturellen und –lingualen Kontext heraus, einerseits durch die Inschriften von der Pazifikküste, sie wurde aber auch durch die Stuckmasken inspiriert. Um das Jahr 400 herum war sie eine voll entwickelte Schrift und kam ohne erläuternde Bilder oder Worte aus (Riese: 1990: 102). Sie wurde im Laufe der Zeit immer wieder verändert, Hieroglyphen wandelten sich, neue tauchten auf, alte verschwanden. Die Struktur der Schrift blieb über die Zeit hinweg ziemlich gleich, und auch sprachliche Unterschiede zwischen dem Yukatek-sprachigen nördlichem Tiefland und dem Chol-sprachigen Rest waren für das Verständnis der Texte kein Hindernis. (Grube 1992: 224-28).
Das Inschriftentum geht mit Ende des Klassikums auf öffentlichen Monumenten zurück und hört im Tiefland mit einer auf den 20.01.909* datierten Stele aus Toniná endgültig auf. Die Maya-Schrift findet bis zur spanischen Eroberung jedoch noch in den Codices Verwendung. Die Conquista und das von ihr mitgebrachte lateinische Alphabet markiert das Ende einer etwa 1500jährigen Tradition, auch wenn heutige Maya teilweise wieder ihre verlorengegangene Kultur wieder entdecken und sie auch mit Interesse das Maya-Syllabar lernen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


2. AUFBAU UND BESTANDTEILE DER MAYA-SCHRIFT

Die klassische Maya-Kultur besaß als einzige in ganz Altamerika ein voll entwickeltes Schriftsystem, das fähig war, den Inhalt von Gesprochenem ohne Verlust von Informationen in eine schriftliche Form zu übertragen. Die Maya-Schrift ist eine logosyllabische Schrift, d.h. sie benutzt zur Kodifizierung von sprachlichen Äußerungen sowohl Logogramme als auch Silbenzeichen. Insgesamt kennt man heute etwa 700 Zeichen. (Grube 1992:226).

Logogramme

Die Logogramme oder Bildzeichen sind die ältesten Bestandteile der Maya-Schrift. Die semantische Dimension eines Wortes wird durch ein Zeichen wiedergegeben. Meistens waren die Logogramme einfach nur Abbildungen des Gegenstandes, den sie bezeichneten. Häufig scheinen sie aber auch keinen konkreten Bezug zu dem Wort zu haben, das sie darstellen. Dies liegt daran, daß auch abstrakte Begriffe und auch Verben mit Logogrammen geschrieben wurden (Abb. 2).

Abb.2: Logogramme (Grube 1992: 221 ob. re.; Coe 1995: 367; Schele/Freidel 1994: 37 ob. li.)

Innerhalb der Maya-Schrift nehmen die Logogramme etwa die Hälfte an Schriftzeichen ein, sie wurden auch, wohl mitunter aus traditionellen Gründen, am häufigsten in den schriftlichen Quellen verwendet. Das nicht ausschließlich Logogramme benutzt wurden, hat einen wichtigen Grund: es gibt polyphone Zeichen, d.h. ihnen ist mehr als ein Lautwert zugewiesen. Das bestbekannte Beispiel ist das Logogramm für cauac, das man auch als tun (in Verbindung mit der Silbe ni), haab oder das Silbenzeichen cu lesen kann (Abb. 3). Wie man hier Mißverständnissen vorbeugen konnte wird später noch gezeigt. (Grube 1992: 228).

Abb.3: Polyphonie von cauac (Coe 1995: 323)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Syllabogramme

Die zweite Möglichkeit ein Maya-Wort zu schreiben war rein syllabisch, d.h. mit Hilfe eines Syllabogramms oder Silbenzeichen. Die meisten Maya-Wörter bestehen aus einer Kombination aus Konsonant-Vokal-Konsonant (KVK) oder KVKVK (Coe: 1995: 334).
Die Silbenzeichen sind vom KV-Typ, d.h. sie bestehen aus einem Konsonanten, gefolgt von einem Vokal. Ein oben beschriebenes Wort müßte demnach aus zwei Silbenzeichen bestehen. Der Vokal des letzten Silbenzeichens blieb dabei stumm. Das Wort balam, „Jaguar“ besteht aus den Silben ba, la, und m(a). Das a am Ende wurde nicht gelesen (Abb. 4). Hier wurde auf Vokalharmonie geachtet, d.h. der Vokal der ersten Silbe wird in der letzten wiederholt. In jüngster Zeit hat man aber herausgefunden, daß die Maya in der Schrift zwischen kurzen und langen Vokalen unterschieden, sollte ein langer Vokal angezeigt werden, so folgte ein disharmonisches Zeichen (Grube, pers. Mitteilung, 1999). Die Grammatik des Chol und Yukatek erfordert manchmal einen Endvokal oder schwachen Konsonanten, David Stuart fand dafür zwei Zeichen, die an eine grammatikalische Endung angehängt werden konnten, um anzuzeigen, das der Vokal in diesem Fall auszusprechen war (Coe 1995: 334). Neben den Silbenzeichen des KV-Typs gibt es einige wenige, die nur einen Vokal wiedergeben.

Abb.4: Syllabische Schreibweise (Coe 1995: 332, 367)

Aufgrund dieser Einheitlichkeit lassen sich alle Silbenzeichen in einer Tabelle zusammenfassen (Abb. 5). Die meisten Silbenzeichen konnten durch mindestens zwei verschiedene Glyphen wiedergegeben werden, eine Erscheinung, die auch unter dem Namen Homophonie bekannt ist, so daß der Schreiber diejenige nehmen konnte, die ihm am besten in sein ästhetisches Konzept passte. Hier, aber auch bei Logogrammen, gab es verschiedene Varianten für die Glyphen. Neben der Normalform gab es die anthropomorphe oder zoomorphe Version, teilweise wurden auch Vollfiguren benutzt (Abb. 6).

Abb.5: Silbenzeichentabelle (Coe 1995: 392-93)

Abb.6: Glyphenvarianten (Schele/Freidel 1994: 37 un.; Grube 1992: 223 ob.; Prem/Riese 1986: 377 un. re.)

Ein Schreiber hätte ohne weiteres jeden Text rein syllabisch schreiben können, die Logogramme genossen aber ein zu hohes Ansehen, um abgeschafft zu werden (Coe 1995: 366).

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Phonetisches Komplement

Das phonetische Komplement, auch als phonetischer Indikator bezeichnet, ist die oben angesprochene Möglichkeit, bei der Lesung von Logogrammen aufgrund der Polyphonie Fehlern vorzubeugen.
Hierbei werden ganz einfach Silbenzeichen, die den Lautwert eines Logogramms wiedergeben, mit diesem kombiniert. Ein Jaguarkopf, der als Logogramm balam bedeutet, wurde einfach mit den Silbenzeichen ba, la und m(a) kombiniert (Abb. 7).

Abb.7: Phonetisches Komplement (Coe 1995: 367)

Feste Regeln für den Gebrauch des phonetischen Komplements gab es nicht, Notwendigkeit und Ästhetik entschieden. Wurde einem Jaguarkopf ein ba angefügt, so war bereits klar, daß es sich um einen Jaguar und keinen Ozelot handelte. Dieser Umstand kommt Inschriftenforschern zugute, die so Anhaltspunkte für ansonsten unlesbare Glyphen bekommen.
Die logographische Schreibweise zusammen mit dem phonetischen Komplement war die gebräuchlichste Art, Texte niederzuschreiben.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Determinative

Ein Determinativ oder Deutzeichen ist ein Zeichen ohne Lautwert, das aber auf die Bedeutung eines anderen Zeichens, mit dem es kombiniert wird, hinweist und es in einer bestimmten Klasse von Wörtern unterbringt. Die Maya-Schrift kennt, im Gegensatz z.B. zur ägyptischen Schrift, nur wenige Deutzeichen.
Das wichtigste ist die sog. Tageszeichenkartusche (Abb. 8). Wird ein anderes Zeichen, Logogramm oder Silbenzeichen, mit ihr kombiniert, so verändert es seine Lesung und gibt eines der zwanzig Tageszeichen des 260-tägigen Ritualkalenders wieder. Beispielsweise wird das Logogramm für „Blume“, nic, in Kombination mit der Tageszeichenkartusche zur Glyphe des zwanzigsten Tages, ahau.

Abb.8: Determinative (Grube 1992: 221 un. re.)

Ein anders Determinativ sind die Dopplungspunkte. Sie wurden immer dann eingesetzt, wenn bei syllabischer Schreibweise  eine bestimmte Silbe zu wiederholen war. Bei der Schreibweise von cacau beispielsweise konnte ein ca-Silbenzeichen weggelassen durch einen Dopplungspunkt ersetzt werden. (Grube 1992: 228).

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Kombination von Zeichen

Der Maya-Schrift lagen zwei grundsätzliche Möglichkeiten der Kombination von Zeichen zugrunde. Logogrammen wurden häufig phonetische Komplemente hinzugefügt. In einer Glyphenkombination waren die Bildzeichen das bestimmende Element und bildeten das sog. Hauptzeichen, die erläuternden Silbenzeichen wurden kleiner dargestellt dem Hauptzeichen hinzugefügt und werden als Affixe bezeichnet. Zwischen Hauptzeichen und Affixen muß es aber keinen notwendigen funktionalen Unterschied geben. Wurden Logogramme oder Silbeneichen untereinander kombiniert, so ist keine Gliederung festzustellen, die Zeichen werden gleichwertig behandelt. Man kann aber eine bestimmte Leserichtung erkennen, die i.d.R. links oben beginnt, dann nach rechts oben wechselt und rechts unten aufhört.
Eine Sonderform war die Inkorporation von Schriftzeichen. Hierbei wurden Schriftzeichen nicht nebeneinander, sondern ineinander kombiniert. Ein bereits geschildertes Beispiel ist die Kombination einer Glyphe mit der Tageszeichenkartusche, die diese umrahmt. Ein anderes Beispiel sind die verschiedenen Schreibarten von chum tun, „Tun-Einsetzung“ (Abb. 9), bei der die Glyphe für tun in verschiedenen Arten in das Zeichen für chum eingebettet ist. Dieses nicht selten auftretende Phänomen findet sich auch oft in den Namensglyphen von Herrschern in der Form von phantastischen Tierköpfen (Coe: 1995: 366).

Abb.9: Kombination von Zeichen (Coe 1995: 366)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Homophonie

Wie bereits geschildert, gab es für die meisten Silbenzeichen mehrere homophone Varianten. Homophonie ist auch von Logogrammen bekannt, ein Umstand, den sich zahlreiche Maya-Schreiber für Spielereien zunutze machten. Die Wörter „Himmel“, „Schlange“ und „vier“ heißen im Yukatek alle can, und haben alle verschiedene Zeichen (Abb. 10). So finden sich Beispiele, in denen das Zeichen für „vier“ gegen einen Schlangenkopf oder das Himmelsband ausgetauscht wurde. (Coe 1995: 324).

Abb.10: Homophonie (Coe 1995: 324 ob. re.)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Emblemglyphen und sonstige Titel

Die Emblemglyphen sind gewissermaßen die Stadtwappen der großen Maya-Zentren, auch wenn noch nicht ganz geklärt ist, ob es sich um Ortsnamen, die Namen von göttlichen Schutzpatronen der Städte oder der machthabenden Dynastien handelte (Abb. 11).

Abb. 11: Emblemglyphen (Coe 1995: 248)

Eine Emblemglyphe besteht aus drei Teilen: dem sog. Ben-Ich-Superfix, dem Wassergruppenpräfix und dem Hauptzeichen (Coe 1995: 248 f.). Die Lesung des Ben-Ich-Zeichens, die von Lounsbury vorgeschlagen wurde, ist eigentlich ah po oder ahau, das für den Titel eines Herrschers steht (Coe 1995: 269 f.), (Abb. 12a). Die Wassergruppe, von der Thompson ursprünglich angenommen hatte, daß sie im Zusammenhang mit Wasser steht, wird übersetzt mit kul, was „heilig“ bedeutet (Coe 1995: 351), (Abb. 12b). Das Hauptzeichen ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich, Copán beispielsweise hat einen Fledermauskopf. Insgesamt kann man also die Emblemglyphe mit „Heiliger Herrscher von X“ übersetzen. Manche Städte hatten mehrere Emblemglyphen, und, wie Berlin nachweisen konnte, finden sich auch die Glyphen einer Stadt in den Inschriften einer anderen, man kann also auf diese Weise politische Beziehungen rekonstruieren.

Abb.12a: (Coe 1995: 270) und Abb.12b: (Coe 1995: 351)

Titel, mit denen sich die Herrscher schmückten, finden sich in fast jeder Inschrift und variieren von Stadt zu Stadt. Sie stehen dem Namen der Person nach. In Palenque beispielsweise schmückten sich die Herrscher mit dem Titel makina, was übersetzt „Große Sonne“ heißt, wie Lounsbury herausfand (Abb. 13a). Heute weiß man, daß der Titel kinich gelesen wird (Grube, pers. Mitteilung, 1999). Zum Titel konnten auch Angaben über Siege oder Namen von mythologischen Gestalten gehören, wie auf den Linteln aus Yaxchilán oft zu sehen ist (Abb. 13b). Für weibliche Titel wurde das Präfix na- verwendet (Abb. 13c).

Abb.13a: makina-Titel (Coe 1995: 277) und Abb.13b: Titel aus Yaxchilán (Schele/Miller 1986: 189 re.) und Abb.13c:na-Titel (Coe 1995: 243)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Ereignisglyphen

Bei den sog. Ereignisglyphen handelt es sich in etwa 80% aller Fälle (Riese, pers. Mitteilung, 1999) um Verben, die wichtige Ereignisse und Handlungen im Leben des Herrschers auf den öffentlichen Monumenten darstellen sollten.
Die wichtigsten verzeichneten Daten berichten von der Dynastiegeschichte, Geburt, Inthronisation, Heirat, und Tod eines Herrscher und seiner Ehefrau(en) und Söhne (Abb. 14a). Weitere Glyphen erzählen uns von Kriegszügen und Gefangennahmen und vom rituellen Blutopfer, daß die Mayaherrscher zu besonderen Anlässen vollzogen. Dieses Ereignis wird mit der sog. „Hand mit Fisch“-Glyphe niedergeschrieben (Abb. 14b). Da die Gefangennahme von Feinden eng im Zusammenhang mit dem Blutopfer stand, und dieses bei vielen besonderen Anlässen durchgeführt wurde, sind die entsprechenden Glyphen häufig zu finden.

Abb.14a: Ereignisglyphen (Coe 1995: 242; 290) und Abb.14b: Hand-mit-Fisch-Glyphe (Graham 1977: 3:55)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Zahlensystem und Kalender

Das Zahlensystem der Maya basierte auf der Zahl zwanzig, d.h. es war es vigesimales System. Die verschiedenen Zeichen für die Zahlen waren Logogramme. Die Zahl Null, die den Maya schon bekannt war, wurde durch eine Muschel dargestellt. Ein Punkt stand für eine eins, ein Balken für eine fünf. Mit diesen Zeichen konnten alle Zahlenwerte dargestellt werden, eine siebzehn wurde dementsprechend mit drei Balken und zwei Punkten wiedergegeben. Für  die Zahl zwanzig existierte ein gesondertes Zeichen (Abb. 15a). Für die Zahlen gab es entsprechend zu den Logo- und Syllabogrammen auch Kopfvarianten (Abb. 15b) und Ganzkörperfiguren.

Abb.15a: Die Punkt-Strich-Zahlzeichen (Coe 1995: 124; Riese 1990: 121)

Abb.15b: Die Kopfvarianten der Zahlzeichen (Coe 1995: 154)

Der Kalender, wie er in den klassischen Inschriften vorkommt, ist eigentlich ein System aus drei verschiedenen Kalenderrunden und einigen zusätzlichen Einheiten.
Das wahrscheinlich älteste System ist der Tzolkin genannte 260-tägige Ritualkalender. Er basiert auf der Kombination von zwanzig Tageszeichen (Abb. 16). mit den Zahlen von eins bis dreizehn. Das vierzehnte Tageszeichen wurde dann entsprechend wieder mit der Zahl eins kombiniert. Nach 260 Tagen waren alle möglichen Kombinationen durchgelaufen, und der Zyklus fing wieder von vorne an.

Abb.16: Die Tageszeichen bei Landa, in den BHS und den Inschriften (Coe 1995: 140)

Der zweite Zyklus war das Haab genannte 365-tägige Sonnenjahr. Hier wurden 18 Monate zu je zwanzig Tagen verwendet, und am Ende des Jahres die verbleibenden fünf Tage, die als unheilbringend galten, gewissermaßen als Kurzmonat angehängt (Abb. 17). Der letzte Tag eines Monats wurde mit Null und dem Namen des folgenden Monats bezeichnet. Der Maya-Kalender kannte kein Schaltjahr, die Abweichungen, die sich somit im Laufe der Zeit ergeben, müssen bei der Umrechnung in unser System, auf das später noch eingegangen wird, berücksichtigt werden.

Abb.17: Die Monatszeichen bei Landa, in den BHS und den Inschriften (Coe 1995: 141)

Die Permutation beider Kalender ergab das als „Calendar Round“ bekannte System, dessen Zeichenkombinationen sich alle 52 Jahre wiederholten (Abb. 18).

Abb.18: Funktionsprinzip der Calendar Round (Schele/Freidel 1994: 72)

Für alle anderen mesoamerikanischen Völker bildete die Calendar Round das größte bekannte System, und auch dieses wurde von den postklassischen Maya als einziges weiter verwendet. Für die Maya der klassischen Zeit reichte dies offenbar nicht aus, und man ersann einen Kalender, der fähig war, jedem Tag auf der Zeitlinie seine einmalige Position zu geben und der als „Long Count“ bekannt ist (Abb. 19).

Abb.19: Glyphen der Long Count Angaben (Riese 1990: 124)

Hierzu wurden alle Tage seit dem Beginn des Weltzeitalters 0.0.0.0.0 4 ahau 8 cumku (11.08.3114 BC) addiert. Kleinste Einheit war ein kin, also ein Tag. Waren zwanzig Tage erreicht (0.0.0.0.19) war ein uinic, ein Monat, voll und der Kalender sprang um auf 0.0.0.1.0. Nach 360 Tagen, also 19 uinic, ging der Kalender über in ein tun, also ein Jahr (0.0.1.0.0). Nach 20 x 360, also 7200 Tagen, war ein katun (0.1.0.0.0) erreicht, die größte Zeitspanne des Kalenders, die ein Mensch in seinem Leben erreichen konnte. Nach 20 katun, also 144.000 Tagen, war ein baktun voll (1.0.0.0.0). Theoretisch ersann man noch größere Einheiten wie das pictun (20 baktun), in den Inschriften ist das baktun jedoch die größte verzeichnete Einheit. Zusammen mit dem Tageszeichen bildete der Long Count das wesentliche Element eines jeden inschriftlich vermerkten Datums und wird als Initialseriendatum bezeichnet.
Zur sog. Ergänzungsserie, die zwischen dem Tages- und Monatsnamen erscheinen kann, gehört Glyphe G, die einen der neun Herren der Nacht bezeichnet (Abb. 20).

Abb.20: Glyphe G (Coe 1995: 184)

Weitere Hieroglyphen machten Mondangaben für den oben angegebenen Tag: Die Anzahl der seit dem letzten Neumond vergangenen Tage, die Position des aktuellen Mondmonats in einem Zyklus von sechs Monden und ob der Mondmonat 29 oder 30 Tage umfaßte (Coe 1995: 181) (Abb. 21). All diese Daten permutierten mit den Angaben der Initialserie. Von besonderem Interesse sind noch die Venustafeln des Codex Dresdensis, mit denen die Maya die Erscheinung und Phasen des Planeten Venus vorhersagen konnten, da sie aufgrund astronomischer Beobachtungen das siderische Venusjahr auf 584 Tage festgelegt hatten, nur wenige Stunden mehr als der heute gültige Wert. Auch finden sich in diesem Codex Tafeln, die vor Mond- und Sonnenfinsternissen warnen (Coe 1995: 206).

Abb.21: Lintel 21 aus Yaxchilán (Coe 1995: 182)

Zur Umrechnung in unseren gregorianischen Kalender wird zuerst das Long Count Datum durch Addition in eine Dezimalzahl umgerechnet. Eine Korrelationskonstante, von denen es zwei verbreitete gibt, wird zu der Dezimalzahl addiert. Die gebräuchlichste ist die von Lounsbury (L 584 285), die andere die um zwei Tage abweichende von Thompson. Beide werden aber wegen ihrer zeitlichen Nähe und gemeinsamer Argumentation zur Gruppe der Goodman-Martinez-Thompson-Lounsbury-Korrelation (GMTL-Korrelation) gezählt. Die Konstante drückt aus, um wieviel Tage sich eine Long Count Angabe vom christlichen Datum, ausgedrückt in dem von Astronomen benutzten julianischen Datum, unterscheidet (Riese 1990: 117). Mit Hilfe von Tabellen wird zuerst das Jahr ermittelt, dessen Wert am besten zum julianischen Tag der Maya-Tageszahl passt, und danach Monat und Tag.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Syntax und Textgestaltung

Die Grammatik der Maya-Sprachen erlaubt nur eine wenig freie Satzgestaltung. Demnach liegt die Wortfolge in einem Satz mit transitivem Verb bei Verb-Objekt-Subjekt. Selbst bei intransitiven Sätzen steht das Prädikat vor dem Subjekt. In den Inschriften fängt jeder Satz mit einer kalendarischen Angabe an, die anzeigt, wann die nachstehende Handlung stattfand. Diese strenge Handhabung der Syntax ist für den Epigraphiker sehr hilfreich. Da Verben am Anfang eines Satzes stehen, kann man sie als solche identifizieren, auch wenn ihre Lesung unbekannt ist. Dem Subjekt, meist der Herrschername, folgten dann seine zahlreichen Titel, die dann auch zuletzt in einem Satz stehen.
In den Inschriften und Codices existiert eine enge Verbindung zwischen Bild und Text. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (u.a. Glyphentafeln des Tempels der Inschriften in Palenque und Hieroglyphentreppe in Copán) treten immer Bild und ein darauf bezug nehmender Text auf. Der Text wurde in Doppelkolumnen geschrieben, mit der Leserichtung von links nach rechts. Nicht selten findet man Wörter und auch kurze Sätze zwischen den Figuren des Bildes oder sogar in den Figuren selbst. Von einigen  Beispielen, wie etwa Lintel 25 aus Yaxchilán, ist eine Inschrift in Spiegelschrift bekannt.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


3. DIE SCHRIFTLICHEN QUELLEN

Die Maya benutzten viele Materialien und Örtlichkeiten, um Texte aufzuschreiben, verbunden mit den unterschiedlichsten Motivationen. Besonders zu erwähnen sind natürlich die öffentlichen Monumente und Codices, aber auch bei der Keramik haben sich erlesene Stücke gefunden. Inwieweit es hieroglyphische Literatur gegeben hat, ist unbekannt, es erscheint aber sehr wahrscheinlich, denn in der frühen Kolonialzeit wurden Gedichte in lateinischer Schrift aufgezeichnet, die sicher präkolumbischen Ursprungs sind, und auch das Popol Vuh der Quiché geht, daß kann man anhand von bildlichen Darstellungen auf Keramiken erkennen, auf vorspanische Überlieferungen zurück.

Die öffentlichen Monumente

Auf den öffentlichen Monumenten stellten die Herrscher wichtige Ereignisse in ihrem Leben dar. Hierzu gehören Daten über Geburt, Inthronisation, Heirat, Tod, Feldzüge, Opferungen von Gefangenen, Zeremonien, zu den vorgenannten Begebenheiten oder z.B. zum katun-Ende (vergleichbar mit unserer Jahrhundertwende), Genealogien, sowie Weiheformeln.
Als Stelen bezeichnet man hochaufgerichtete oder tafelförmige Monolithen, die auf allen Seiten Abbildungen und Inschriften tragen können, teilweise treten anstatt des üblichen Reliefs auch plastisch skulptierte Stelen auf, etwa in Copán (Abb. 22). Die Stelen wurden auf den plazas vor den Tempeln aufgestellt. Für die Maya waren sie zu Stein gewordene Bäume, was auch der Name te-tun, Baumstein, andeutet. Auf den Weiheinschriften der Stelen findet sich dann auch meist die Formulierung u tz’apaw, „es wird in die Erde eingepflanzt“ (Grube 1992: 232).

Abb.22: 18-Kaninchen aus Copán und Stele 16 aus Tikal (Albig 1996: 121, 123)

Altäre tragen meist auch Inschriften, z.B. konnte Berthold Riese an dem quadratischen Altar Q aus Copán die dynastische Abfolge von allen sechzehn Herrschern, die auf ihren Namensglyphen sitzen, festmachen. Altäre waren auch teilweise einer Stele zugehörig.
Eine weitere häufige Form waren die sog. Lintel oder Türstürze (Abb. 23). Ihre Vorderseiten waren meist mit einem kurzen Text versehen, während ihre Unterseite prächtige Reliefs zeigte. Aus Yaxchilán, wo die vielleicht schönsten Beispiele herkommen, zeigt z.B. die Serie L. 24-26, wie Frau Xoc, die Gemahlin von Schild-Jaguar, ein Blutopferritus durchführt, danach eine Vision empfängt, und ihrem Mann in seine Kriegstracht hilft. Ein besonderes Exemplar ist der Türsturz Nr. 3 aus Tikal, der aus Zapoteholz gefertigt ist und Herrscher B zeigt. Berichtet wird von einem Kriegszug gegen Yaxhá am 26.07.743*.

Abb.23: Lintel 26 aus Yaxchilán, Photographie von Th. Maler, 1911

In Innenräumen von Palästen und Tempeln findet man skulptierte Tafeln, entweder in Stein geschnitten oder in Stuck ausgeführt. Hier finden sich z.B. Weiheinschriften, die mit der Formel ochi butz, „Der Rauch trat herein“, eingeleitet werden (Grube 1992: 229 f.). Berühmt geworden sind u.a. die Ovale Tafel in Haus E des Palastes von Palenque, welche die Inthronisation von Pacal dem Großem zeigt und aus dem Tempel der Inschriften, die Tafel der 96 Glyphen. Ebenfalls aus Palenque, aus dem Tempel des Kreuzes, stammt eine Tafel, die auf meisterhafte Art die Manipulation zeigt, mit der Chan-Bahlum II., Pacals Nachfolger, versuchte, für sich und seinen Vater göttliche Vorfahren zu verschaffen. Demnach wurde sechseinhalb Jahre vor dem Nullpunkt eine göttliche Ahnfrau namens Frau Biest geboren, die, den Wechseljahren zum Trotz, im Alter von 761 eine göttliche Triade gebar, die zu den Schutzgöttern der palencanischen Dynastie wurden (Coe 1995: 289).
Zu erwähnen sind noch einige Hieroglyphentreppen. Die prächtigste befindet sich in Copán, weist 63 Stufen zu acht Metern Breite auf, und ist mit etwa 2500 Glyphen die längste Inschrift im gesamten Maya-Gebiet. Der Herrscher Rauch-Muschel zeichnete darin Daten aus den Jahren 553 bis 751 AD auf. Andere Hieroglyphentreppen finden sich Naranjo, Palenque, Piedras Negras und Yaxchilán.
Zu erwähnen sind noch die wenigen erhaltenen Wandmalereien. Am berühmtesten, und im engeren Sinne auch die einzigen echten der Maya-Kultur, sind die drei bemalten Kammern aus dem „Haus der Gemälde“ in Bonampak. Unter einer Sinterschicht hat sich hier ein Bilderzyklus erhalten, der Chaan Muan, den letzten namentlich bekannten Herrscher von Bonampak, und den Thronfolger verherrlicht (Abb. 24). Zu sehen sind Kriegsszenen mit Gefangennahme und Opferung, Musiker in phantastischen Kostümen und andere Festszenen.

Abb.24: Wandmalerei aus Bonampak (Albig 1996: 146 un.)

Andere Beispiele sind inschriftliche Malereien aus einer Höhle in Naj Tunich (Abb. 25) aus der Spätklassik und aus einem Grab in Río Azul aus dem Frühen Klassikum.

Abb.25: Höhle von Naj Tunich (Stuart 1997: 169)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Codices

Nur vier Codices sind uns heute noch erhalten. Sie werden ihren Aufenthaltsorten entsprechend Codex Dresden (Dresdensis), Codex Madrid (Tro-Cortesianus) und Codex Paris (Peresianus) genannt. Der Codex Grolier nimmt eine gewisse Sonderstellung ein, da er erst in den siebziger Jahren entdeckt wurde, und seine Echtheit bis heute nicht ganz zweifelsfrei bestätigt ist. Es handelt sich um religiöse Almanache zu Wahrsagezwecken. Die Kalenderpriester konnten so Prophezeiungen durchführen oder günstige Termine für Zeremonien, Taufen, oder die Aussaat finden. Beschreibungen derartiger Zeremonien sind auch enthalten, ebenso die dazugehörigen Paraphernalia. Sie bestehen aus mit Stuck überzogenen Blättern aus Feigenbast, die in Leporelloform gefaltet sind.
Der Codex Dresden (Abb. 26) ist vor allem bekannt wegen seiner Venustafeln, auf die weiter oben schon eingegangen wurde. Zahlreiche andere Tafeln beschäftigen sich mit diversen astrologischen Angelegenheiten. Er stammt aus Yucatán, wo Cortés ihn 1519 an sich nahm. Er stammt, wie alle anderen auch, aus der Postklassik, seine Ikonographie ist bereits aztekisch beeinflußt (Coe 1995: 313). Außerdem kam dem Codex Dresden eine wichtige Rolle bei der Entzifferung des Kalendersystems und der Katalogisierung der Götterfiguren durch Paul Schellhas.

Abb.26: Seite 59 des Codex Dresdensis (Prem/Riese 1986: 381)

Dem Codex Madrid, der auch Venustafeln enthält, ist noch ein Abschnitt von elf Seiten beigefügt, der sich mit der Bienenzucht und den dazugehörigen Zeremonien beschäftigt. Er wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrh. entdeckt. Der Codex Paris ist ein Almanach für katun-Prophezeiungen, das Schicksal der alle zwanzig Jahre wechselnden Perioden sollte so vorhergesagt werden. Der Codex Grolier wurde mit der Radiocarbon-Methode auf etwa 1230 BP datiert (Coe 1995: 312), passend zum Maya-toltekischen Stil. Wahrscheinlich ist er der älteste von allen. Wie der Codex Dresdensis enthält er Venustafeln, die jedoch ausführlicher sind, indem sie sich auf mehr Aspekte des Venus beziehen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Keramiken

Eine große Anzahl von Keramiken, zumeist aus Gräbern, sind heute bekannt. Sie alle zeichnen sich häufig durch eine polychrome Bemalung und einen meisterhaft geführten Pinselduktus aus. Von besonderem Interesse ist hier die sog. Primäre Standardsequenz (PSS) (Abb. 27), die sich in einem Band am oberen Gefäßrand oder, deutlich von der übrigen Szene abgesetzt, in einem vertikalen Feld befindet. Die übrigen Texte, die Namen oder gesprochene Worte wiedergeben, sind in die Szene eingestreut.

Abb.27: Primäre Standardsequenz (Grube 1992: 222)

Die PSS gibt einen Weihetext, den Namen des Besitzers und den Namen der Keramik (Abb. 28) an. Solche Glyphenfolgen gibt es, wie oben bereits dargestellt, nicht nur für Keramiken, sondern auch für Monumente und Gebäude, wurde aber bei Keramiken zuerst erkannt. Man kennt etwa einundzwanzig Zeichen (Coe 1995: 306), aus denen eine PSS bestehen kann, die Glyphen kamen nur in geringen Varianten und immer in derselben Reihenfolge vor.

Abb.28: Kakaotopf aus einem Grab aus Río Azul (Stuart 1997: 106)

Eine PSS wird fast immer eingeleitet durch eine Einführungsglyphe aus Hauptzeichen und zwei Affixen, wahrscheinlich ein Verb, es können weitere Verben folgen. Einer der wichtigsten Bestandteile ist die Glyphenfolge u dzibnah y uch’ib, „die Schrift auf dem Trinkgefäß von ...“. Da nicht nur Trinkgefäße mit der PSS beschriftet wurden, existierten für jeden Objekttyp eigene Glyphen (Grube 1992: 229), wie etwa u lac für Teller und u hauante für Dreifußgefäße (Coe 1995: 339). Danach folgte der mitunter ausladende Titel des Besitzers. Bedeutend ist die Entdeckung, daß den Keramiken Namen gegeben wurden, und wie David Stuart und Nikolai Grube zeigten, materielle Güter, gleich welcher Art, durch die Glyphe für u kaba, „... ist der Name“, individuelle Benennungen bekamen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


4. ENTZIFFERUNG DER MAYA-SCHRIFT

Die Entzifferung der Maya-Schrift ist gekennzeichnet durch eine ganze Reihe von Mißverständnissen und Fehlschlägen, welche die Entzifferung für bestimmt einhundert Jahre behindert haben. Obwohl ein Äquivalent zum Stein von Rosette existiert hat, nämlich das Landa-Alphabet in seiner Relacíon, so wurde seine Bedeutung erst in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts erkannt.
In früheren Zeiten hielt man die Maya nicht für fähig, eine komplexe Hieroglyphenschrift wie die der Ägypter zu entwickeln, und keiner machte sich die Mühe, eine Maya-Sprache zu lernen. Dabei hätte man einfach nur einmal die Maya-Schrift mit der ägyptischen Hieroglyphenschrift, von der bekannt war, daß sie logosyllabisch war, vergleichen müssen, um festzustellen, daß beide etwa 800 Zeichen haben, und die Maya-Schrift somit auch nur logosyllabisch sein kann.

Das Landa-Alphabet

Die Relacíon de las cosas de Yucatán wurde 1566 von Fray Diego de Landa, dem Bischof von Yucatán, als Rechtfertigungsschrift gegen ein ihn angestrengtes Verfahren wegen Übergriffe gegen die indianische Bevölkerung verfaßt. Dieses Dokument ist heute eine der wichtigsten ethnographischen Quellen zur Situation der Maya in der frühen Kolonialzeit. In einem Kapitel über den Kalender, die Riten und die Schrift gibt Landa ein Alphabet der Maya-Schrift (Abb. 29) wieder.
Nach dem Gerichtsprozeß verschwand die Relacíon in spanischen Archiven und wurde erst 1862 von Abbé Charles Étienne Brasseur de Bourbourg in der „Königlichen Akademie für Geschichte“ in Madrid wiederentdeckt und zwei Jahre später publiziert. Auf ihre Auswirkungen auf die Entzifferung der Maya-Schrift soll später an geeigneter Stelle wieder eingegangen werden.

Abb.29: Das Landa-Alphabet (Coe 1995: 143)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Erste Entzifferungsversuche

In den 1830er Jahren entdeckte Constantine S. Rafinesque-Schmaltz, daß das Zahlensystem auf einer Punkt-Strich-Scheibweise basierte, und er vermutete, daß die Schrift eine Sprache wiedergibt, die noch von den Maya gesprochen wird, und die Schrift somit zu entziffern sei. Ebenso stellte er fest, daß die Schrift in den Codices und den Inschriften die selbe ist, eine Annahme, die später von John Loyd Stephens noch ausgebaut wurde (Coe 1995: 130).
Anhand des Codex Dresden konnte Ernst Förstemann die Funktionsweise des Long Count und des Tzolkin darstellen, nachweisen das die Maya ein Vigesimalsystem benutzten, und wie der Venusumlauf berechnet wurde. Jospeh T. Goodman erstellte 1905 eine Korrelation des Maya-Kalenders zu unserem, die auch heute noch gültig ist.
Cyrus Thomas vermutete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrh., daß die Maya ein solch primitives Stadium, wie bislang angenommen wurde, überwunden haben, und daß ihre Schrift ähnlich der ägyptischen mit Silbenzeichen und Logogrammen arbeitete. In einem Gelehrtenstreit mit Eduard Seler mußte Thomas klein beigeben, und nahm später seine Überlegungen wieder zurück.
Eine weitere wichtige Erkenntnis stammt von Benjamin L. Whorf, einem amerikanischen Linguisten, der herausfand, daß, gemäß der Grammatik des Yukatek, die Reihenfolge der Glyphen Verb, Objekt und Subjekt sein muß.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Hegemonie von Thompson

In der Zeit der fünfziger Jahre bis zu seinem Tod 1975 beherrschte John Eric Sidney Thompson durch seinen Intellekt (Coe 1995: 169) und durch seine spitze Zunge die Maya-Forschung. Man kann sagen, daß durch seine autoritäre Persönlichkeit zahlreiche Forscher und deren Ansätze erstickt wurden. Obwohl er zweifelsohne Großes vor allem im Bereich des Kalenders geleistet hat, so muß man ihm einen bremsenden Einfluß auf die Forschung vorwerfen.
Er, wie sein Freund und Kollege John E. Teeple, der das Problem der Ergänzungsserie löste, waren davon überzeugt, daß die Maya-Inschriften ausschließlich von astronomischen und kalendarischen Daten handeln (Coe 1995: 181). Diese Ansicht führte auch zu der lange Zeit vertretenen Ansicht, die Maya wären friedliche Sternengucker gewesen, die ausschließlich den fortwährenden Lauf der Zeit in ihren Monumenten verehrten. Er war der Ansicht, alle Maya-Glyphen wären „ideographisch“ und wären mit mystischen Bedeutungen durchdrungen, die mit dem Verschwinden der Maya verloren gegangen seien.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Der phonetische Ansatz

Yuri Knorosow, ein sowjetischer Ägyptologe, veröffentlichte 1952 einen Artikel, in dem er einen phonetischen Ansatz zur Entzifferung der Maya-Schrift präsentierte. Er erkannte, daß die Maya-Schrift etwa gleich viele Zeichen aufweist wie das Mittelägyptische und sie somit logosyllabisch sein muß. Ferner vermutete er, daß Landa das Prinzip einer syllabischen Schreibweise nicht verstanden hatte, und sein „Alphabet“ deshalb viele einzelne Zeichen in mehrfacher Ausfertigung aufwies. Anhand der Codices, in denen eine enge Verbindung zwischen Text und Bild besteht, suchte er Beweise für eine syllabische Schreibart zu finden.
Das Zeichen für chikin, „Westen“, war seit 1875 bekannt. Knorosow zeigte, daß das eine Zeichen phonetisch chi zu lesen ist, und das andere das Logogramm für kin, „Sonne“ ist. Im Codex Madrid erscheint Landas ku-Zeichen zusammen mit chi über dem Bild des Geier-Gottes. Da Geier auf Yukatek kuch heißt, muß die Glyphenfolge also ku-ch(i) zu lesen sein. Knorosow gab in seinem Aufsatz noch sieben weitere Beispiele an, die er alle nach ähnlichem Prinzip bewies.
Thompson, der erbittertste Widersacher Knorosows, tat die Publikation als marxistische Propaganda ab, und setzte durch seinen intellektuelle Einfluß durch, daß die Arbeit des Russen im Westen kaum ernst genommen wurde. Nach Thompsons Tod setzten sich Knorosows Annahmen allmählich durch und bildeten die Grundlage für alle weiteren Entzifferungen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Rückblick und Ausblick

Auf der Grundlage, die Knorosow geschaffen hatte, bauten alle Epigraphiker der „ersten Stunde“ der korrekten Erforschung auf und entdeckten Zusammenhänge, die unser Bild der Maya radikal veränderten. Die friedlichen Astronomen von einst wandelten sich zu „normalen Menschen“, die Inschriften berichteten von Kriegen, Opferungen und Heiratsallianzen.
Heutzutage kann man etwa 70% aller Inschriften im Proto-Chol, der rekonstruierten Maya-Sprache der Klassik, lesen. Neue Entzifferungen werden so schnell gemacht, daß die Fachleute mit dem Publizieren kaum nachkommen können. Einige Zeichen werden sich wohl nie entziffern lassen, aber in nicht ferner Zukunft wird die Forschung soweit sein, daß sie annähernd alle Zeichen und Texte richtig entziffern kann und die Frage „Wer soll sie lesen“, die sich der große Reisende John Loyd Stephens im 19 Jahrh. gestellt hat, wird wohl beantwortet sein.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis


LITERATURVERZEICHNIS

Albig, Jörg-Uwe
1996 Die zweite Entdeckung der Maya. In: GEO-Magazin 05/1996, S. 114-150.
Coe, Michael D.
1995 Das Geheimnis der Maya-Schrift: Ein Code wird entschlüsselt. Hamburg.
Graham, Ian
1977 Corpus of Maya Hieroglyphic Inscriptions. Bd. 3-1: Yaxchilán. Cambridge.
Grube, Nikolai
1992 Schrift und Sprachen der Maya. In: Eggebrecht, E. & A. (Hg.): Die Welt der Maya. S. 215-239. Mainz.
Prem, Hanns. J. & Berthold Riese
1986 Schrift, Kalender und Wissenschaft. In: Prem, H. J. & U. Dyckerhoff (Hg.): Das Alte Mexiko: Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas. S. 371-383. München.
Riese, Berthold
1990 Schrift, Kalender und Astronomie der Maya. In: Köhler, U. (Hg.): Altamerikanistik: Eine Einführung in die Hochkulturen Mittel- und Südamerikas. S. 101-132. Berlin.
Schele, Linda & David Freidel
1994 Die unbekannte Welt der Maya: Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt. Augsburg.
Schele, Linda & Mary E. Miller
1986 The Blood of Kings: Dynasty and Ritual in Maya Art. Fort Worth.
Stuart, Gene S.
1997 Die Künste. In: The National Geographic Society (Hg.): Versunkene Reiche der Maya. S. 96-111. Augsburg.
Stuart, George E.
1997 Den Code entziffern. In: The National Geographic Society (Hg.): Versunkene Reiche der Maya. S. 154-187. Augsburg.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis