
Um Cobá in seiner Umgebung zu beschreiben, erfolgt zuerst eine Einführung in die physischen Charakteristika der Halbinsel Yucatán. Im Hauptteil wird auf die Subzonen des urbanen Raumes von Cobá und die wichtigsten architektonischen Merkmale im Zentrum eingegangen. Dem schließt sich eine Betrachtung des Straßennetzes an. Anschließend wird auf die Geschichte der Stadt eingegangen, wie sie anhand der Archäologie und der Epigraphik rekonsturiert werden kann. In der Schlußbetrachtung werden eine Reihe von Fragen formuliert, welche wichtige charakterisierende Aspekte für den urbanen Raum von Cobá berücksichtigen.
FUSSNOTEN
[1] Tertiär: Geologische Periode, 65 bis
1,63 Mio. Jahre vor unserer Zeit.
[2] Eozän: Epoche innerhalb des Tertiär,
56,5 bis 35,4 Mio. Jahre vor unserer Zeit.
[3] Es sei aber auf die Angaben der Literatur
verwiesen: Benavides 1981c: 219.
[4] Basierend auf einem älteren Modell,
vgl. Benavides 1981c: 210-215.
[5] Die meisten in diesem Abschnitt dargestellten
Befunde und Erkenntnisse basieren auf den vom INAH durchgeführten
Untersuchungen der 1970er Jahre.
[6] Datiert aus der späten Präklassik
und kann mit der Phase Chicanel parallel gesetzt werden, siehe auch Kapitel
5.1.
[7] Datiert aus der mittleren Postklassik
bis zur Conquista.
[8] Für Objekte vergleichbarer Fabrikationstechnik
vgl. etwa verschiedene Artefakte, die aus dem Cenote de Sacrificios in
Chichén Itzá stammen (Coggins & Shane 1984: Figs. 113,
114,123, 125), die Türkisscheibe aus dem Tempel des Chacmool in Chichén
Itzá (Sharer 1994: Fig. 7.14) oder das Fußbodenmosaik aus
Grab 49 in Topoxté (Wurster 2000: Fig. 96).
[9] Eine nähere Beschreibung dieses Stils
folgt in der Abhandlung über den Tempel der Pyramide Nohoch Mul in
Kapitel 3.4.5.
[10] Die Praxis, auch skulptierte Monumente
rituell zu bestatten ist nicht ungewöhnlich. Beispiele hierfür
wären in Cobá noch Stele 29 (Tempel 2 der Pyramide Nohoch Mul)
TIK St. 31 (Tempel 33-sub2) oder TIK St. 40 (Tempel 29). Leider findet
sich in den Berichten über Stele 4 keine Erwähnung etwa über
den Einsatz von saskab.
[11] Auch wenn in der Literatur andere Höhenangaben
fehlen,
möchte ich die von Benavides (1981a: 70) wiedergegebene Höhe
aufgrund der Beschreibung bei José Con und Martínez Muriel
(2002) und eigener Beobachtungen vor Ort als zu gering erachten.
[12] Dieser Ballspielplatz wird aufgrund seiner
Lage gelegentlich der Gruppe D zugerechnet.
[13] Vergleichbare Teilungen finden sich auch
in ganz Mesoamerika, vgl. etwa Tenochtitlan.
[14] Datiert aus der späten Klassik und
kann mit der Phase Tepeu I gleichgesetzt werden.
[15] Man bedenke die Existenz der Wege 25
und 27, die isoliert und ohne Anbindung an das Straßennetz bleiben.
[16] Die anderweitig publizierten Monumente
(vor allem Benavides 1981a) tragen entweder keine Daten oder sie lassen
sich nicht rekonstruieren. Von den anderen Inschriftenträgern, etwa
denen im Bereich der Grupo Las Pinturas, liegen in der Literatur keine
Fotographien oder Zeichnungen vor. Der Verfasser hat zwar im April 2002
Aufnahmen dieser Monumente angefertigt, jedoch eignen sie sich aufgrund
unzureichender Beleuchtung nicht, kalendarische Angaben vollständig
zu identifizieren und können von daher nicht berücksichtigt werden.
[17] Wie die anderen erkennbaren und rekonstruierbaren
Daten im Korpus von Cobá zeigen, fand ausschließlich der Petén-Stil
Verwendung.
[18] Ek Balam scheidet als Kandidat für
die diskutierte Emblemhieroglyphe aus, da die von diesem Ort kontrollierte
politische Einheit durch das "Emblem“ tal(o’) bezeichnet wurde (Voß
& Eberl 1999).
[19] Das aus Yaxuná bislang keine hieroglyphischen
Inschriften bekannt geworden sind, darf nicht stören, auch hier fanden
sich wie in Cobá Monumente mit Resten von Stuck und Farbe (Graña-Behrens
2002 MS: 257).
[20] Es sei bei dieser Annahme an den Fortbestand
von Cobá als Pilgerzentrum über die Klassik hinaus erinnert,
was eine Tradierung des alten Namens erklären könnte.
[21] Seit den 1990er Jahren sind noch eine
ganze Reihe analytischer Modelle zur Erklärung von Maya-Staaten hinzugezogen
worden, etwa der „segmentary state“, der „theatre state“ und die „galactic
polity“. Für eine Zusammenschau sei auf Grube 2000:549-550 verwiesen.
[22] Es sei etwa auf Darstellung des „Díos
Descendente“ in Labná und Sayil verwiesen.
1. EINLEITUNG UND FORSCHUNGSGESCHICHTE
1.1. Gegenstand der Arbeit
1.2. Bisherige Forschung
2. ÜBERSICHT ÜBER DIE HALBINSEL YUCATÁN
2.1. Geomorphologie
2.2. Hydrologie
2.3. Klima
3. ÜBERSICHT ÜBER DAS AREAL VON COBÁ
3.1. Einführung
3.2. Die Subzonen
3.3. Das Zentrum
3.4. Die Gruppen des Zentrums
3.4.1. Grupo Cobá
3.4.2. Grupo Chumuc Mul
3.4.3. Grupo Las Pinturas
3.4.4. Grupo Macanxoc
3.4.5. Grupo Nohoch Mul
3.5. Die suburbanen Zonen
3.5.1. Zone „perinuclear
3.5.2. Zone „periférica"
3.5.3. Zone „complementaria“
3.6. Die Wasserversorgung
4. DIE SAKBEO'OB VON COBÁ
4.1. Typisierung
4.2. Das System der Straßen
4.3. Funktion
4.4. Bauweise
5. GESCHICHTE VON COBÁ
5.1. Archäologie
5.2. Epigraphik
5.2.1. Selektierter Inschriftenkorpus
5.2.2. Interpretation
5.3. Zusammenfassung
Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der klassischen Mayastadt
Cobá, welche sich im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo an der
Grenze zu Yucatán befindet und deren heute obertägig sichtbare
Architektur und skulptierte Monumente vor allem aus der Zeit der Spätklassik
datieren.
Nach einem allgemeinen Überblick über die bisherige Erforschung
der Stätte (Kapitel 1.2), soll, um Cobá in seiner Umgebung
zu beschreiben, eine Übersicht über die natürlichen Bedingungen
der Halbinsel Yucatán erfolgen (Kapitel 2). Dem schließt sich
eine Beschreibung des weiteren urbanen Areals von Cobá an. Neben
einer Darstellung des eigentlichen Zentrums (Kapitel 3.3) unter besonderer
Berücksichtigung seiner verschiedenen Gebäudegruppen (Kapitel
3.4) soll hierbei auch ein Abriß der sogenannten suburbanen Zonen
erfolgen (Kapitel 3.5). Neben den architektonischen Befunden wird auch
auf die mit Gebäuden assoziierten Monumente eingegangen, die in einem
anderen Kapitel noch einmal detailliert besprochen werden.
Darauf aufbauend und damit einhergehend soll eine kurze Geschichte
der Stadt skizziert werden, soweit möglich sowohl eine Siedlungsgeschichte
anhand archäologischer Daten (Kapitel 5.1) als auch dynastisch und
politisch anhand der Epigraphik (Kapitel 5.2).
Die Schlußbetrachtung (Kapitel 6) versucht in einer Synposis
anhand der zuvor dargestellten Aussagen die Position von Cobá im
Netzwerk der anderen Mayastädte darzustellen und die Stadt zu charakterisieren.
Die erste Erwähnung von Cobá gibt Cogolludo in seinem Werk
Yucatan o sea Historia de Esta Provincia (Tomo 1, Libro 2o, Cap.
V). Die Spanier machen dort einen Halt auf einem Marsch, Cogolludo bemerkt:
„Determinó el Adelantado salir de Cóni (Coni) para la provincia
de Choáca (Chauac Ha) y llegó al pueblo de Cobá (Coba),
que ahora está despoblado [...].“.
Die erste moderne Erwähnung von Cobá gibt John Loyd Stephens
im Jahre 1842, als er vom örtlichen curador in Chemax über
die Existenz der Stätte informiert wird, sich aber gegen einen Besuch
entscheidet (Benavides 1981a: 15). Der erste Besucher in Cobá ist
Juan Peón Contreras, der im Jahr 1882 dort einige Skizzen von den
beiden großen Pyramiden La Iglesia (Grupo Cobá) und Nohoch
Mul (Grupo Nohoch Mul) angefertigt hat.
Der deutsch-österreichische Forschungsreisende Teobert Maler suchte
Cobá im Anfang September 1891 auf. Er gab in seinem Tagebuch eine
Beschreibung des Zentrums und der Pyramide Nohoch Mul und fertigte einige
Skizzen über die Gesamtanlage der Stätte sowie über besagte
Pyramide an, von deren Tempel er eine Fotografie erstellte (Maler 1997:
221-222, Tafel 103).
Die erste detailliertere Schilderung von Cobá gibt Thomas Gann
von einem Aufenthalt im Februar 1926 (Gann 1926: 103-128), der auch gleichzeitig
der Beginn von sechs weiteren kleineren Expeditionen der Carnegie Institution
ist. Gann beschreibt das Areal sowie einzelne größere und kleinere
Strukturen, einige sakbeo’ob und Stelen. Darüber hinaus stellt er
gewisse architektonische Gemeinsamkeiten mit Tulúm fest. Gann folgten
darauf Forscher wie Eric Thompson, Sylvanus Morley oder Harry Pollock.
Trotz der Kürze der Aufenthalte wurde eine große Sammlung von
Daten zusammengetragen, die Thompson zusammen mit Pollock und Charlot 1932
veröffentlichte. 1933 konnte Alfonso Villa Rojas die Existenz eines
sakbe zwischen Cobá und dem 100 km entfernten Yaxuná nachweisen.
Erst ab 1972 fand unter Federführung des Instituto Nacional de
Antropología e Historia (INAH) der Vereinigten Mexikanischen
Staaten eine groß angelegte Untersuchung statt. Ab 1974 begann man
mit der Ausgrabung und Konsolidierung der großen Pyramiden und assoziierter
Strukturen unter Leitung von Piedad Peniche, Antonio Benavides und Fernando
Robles. Gleichzeitig kartierte das Coba Archaeological Mapping Project
der National Geographic Society unter William Folan und George Stuart
bis 1976 etwa 30 % der Gesamtfläche des urbanen Raumes und wies die
Existenz eines weiteren sakbe nach Ixil nach. Benavides und Folan fertigten
auch eine Neuaufnahme des Netzes der sakbeo’ob an.
Seit 1992 führt das INAH unter der Leitung von María José
Con kleinere, partielle Grabungen im Bereich verschiedener Lokalitäten
durch, etwa den Ballspielplätzen, der Grupo Las Pinturas oder einem
Abschnitt von sakbe 1 (José Con & Martínez Muriel
2002: 39-41). Schließlich publizierten Ian Graham und Eric von Euw
1997 die Inschriften von Cobá im Corpus of Maya Hieroglyphic
Inscriptions (CMHI). Diese Zusammenfassung der Forschungsgeschichte
ist ebenso weitestgehend der Einleitung des CMHI entlehnt (1997: 5-8).
Karte 1: Der Norden der Halbinsel Yucatán mit den wichtigsten archäologischen Stätten. Kartengrundlage: Microsoft Encarta Weltatlas, Entwurf: Sven Gronemeyer.
Unter dieser Überschrift sollen die physischen Charakteristika
der Halbinsel Yucatán (Karte 1) vorgestellt werden. Neben der Oberflächenstruktur
der Halbinsel erfolgt eine Beschreibung der Böden und der Hydrographie.
Der äußerste Süden, also der Petén und angrenzende
Gebiete werden nicht besprochen. Die Präsentation erfolgt im wesentlichen
nach Folan et. al. (1983: 21-48).
Die Halbinsel Yucatán ist eine Platte, welche sich von Süden
nach Norden bis zum Ende des Tertiär[1[1] Tertiär: Geologische Periode, 65 bis 1,63 Mio. Jahre vor unserer Zeit.]
aus einer flachen See emporgehoben hat (Wilhelmy 1989: 73), dementsprechend sind
die hauptsächlichen Gesteine Kalkstein, Mergel und Gips. Typische
Karstmerkmale sind im äußersten Nordwesten demnach kaum vorhanden,
aber beginnende Lösungshohlformen sind zu beobachten, die sich gegen
Südosten zum typischen Dolinenkarst entwickeln. Zum Süden nach
Campeche hin, beginnend mit der Puuc-Region, erhebt sich ein eozäner[2[2] Eozän: Epoche innerhalb des Tertiär, 56,5 bis 35,4 Mio. Jahre vor unserer Zeit.]
Kuppenkarst mit Hügelkämmen bis Höhen von 100 m, der im
Westen Campeches sehr bald in den Kegelkarst des Petén übergeht.
Gegen Norden ist diese Region durch die Sierrita de Ticul abgegrenzt, wohl
eine Bruchstufe oder ein altes Meereskliff mit Höhen bis 270
m. Der Osten der Halbinsel mit Cobá ist charakterisiert durch flache
Kalksteinkämme und zahlreiche Senken und Schüsseldolinen, die
Sümpfe und Seen bilden und in nördlich-südlich laufende
Falten.
Die Böden der Region lassen sich in verschiedene Kategorien einordnen.
Dies sind zum einen die Mollisolen, der geläufigste Typ. Sie bilden
sich dort, wo kalkiges Ausgangsmaterial den Einflüssen der Erosion
ausgesetzt ist. Im Nordwesten der Halbinsel Yucatán zeigt sich dieser
Boden als sog. Terra Rossa. Hydromorphische Böden finden sich
in permanent und temporär überfluteten Gegenden und dort, wo
oberflächennahes Grundwasser die unteren Bodenschichten bewässert.
Diese Böden finden sich im Osten und Zentrum von Quintana Roo. Der
Nutzen dieser Böden ist aufgrund seiner hohen Azidität begrenzt.
Für das Gebiet um Cobá charakteristisch sind dunkle, kalkige
Lithosolen, rezente und chemisch sehr ähnliche Verwitterungsprodukte
des anstehenden Felsens, der in der Regel nicht tiefer als 50 cm liegt.
Große Vorkommen von saskab, feinem Mergel, sind in diesem
Areal ebenfalls nicht selten. Alluviale Böden, reich an Mineralstoffen,
finden sich als Produkte von Fließgewässern erst im äußersten
Süden der Halbinsel.
Das wichtigste Charakteristikum von Yucatán ist das überwiegende Fehlen von oberflächigen Fließgewässern aufgrund der hohen Permeabilität der Kalke bei einem gleichzeitig sehr ausgeprägten unterirdischem Karstgerinne (Wilhelmy 1989: 73f., 76). Im Norden ist der Río Lagartos die alleinige Ausnahme. Erst im mittleren Teil markieren der Río Champotón an der West- und der Río Hondo an der Ostküste den Übergang zu einem normal entwickelten Entwässerungsnetz. Die Wasserversorgung der Bevölkerung wurde überwiegend (und wird noch teilweise) gesichert durch cenotes, Einsturzdolinen in der Karstplatte und aguadas, natürliche Eintiefungen im Boden, die weitgehend permanent Wasser führen und dessen Aussickern in den porösen Kalkstein durch lehmige Verwitterungsschichten verhindert wird. Diese Reservoirs können auch künstlich angelegt worden sein. Kleinere Wasserquellen sind haltunes, kleine, temporär gefüllte Senken und ojos de agua, hydrostatische Süßwasserquellen in der offenen See entlang der Nordküste. Größere Seen, möglicherweise das Produkt einer Kette von eingestürzten cenotes oder Faltenbildung, finden sich im Norden v.a. in Quintana Roo. Auf die Wassernutzung von Cobá wird an anderer Stelle eingegangen.
Der Norden der yukatekischen Halbinsel ist gekennzeichnet durch ein wechselfeuchtes Klima. Die maximale Niederschlagsmenge fällt in den Monaten Juli bis August, die lange Trockenzeit dauert von November bis Mai. In der Gegend von Cobá liegt der jährliche Niederschlag bei 1500-2000 mm, konzentriert in den Monaten September bis November. Bis auf einige wenige Wochen in Februar und März ist permanent Regen vorhanden.
Abbildung 1: Übersicht über das Areal von Cobá. Nach Benavides 1981a: Fig. 2.
Während große Teile des Terrains um Cobá sehr flach
sind, zeigen sich einige geringe Erhöhungen, die als Basis für
die Anlage von Gebäudegruppen genutzt wurden, eine durchaus übliche
Praxis im gesamten Mayagebiet. Eine der größeren wurde als Baugrund
für die Grupo Nohoch Mul gewählt. Niedere Anhöhen tragen
einige der außen liegenden Gruppen, die am Ende eines sakbe
liegen. Eine bemerkenswerte Eigenschaft des Gebietes ist die Konzentration
von vier permanenten Seen, die im Zentrum der Stadt liegen, es sind dies
von West nach Ost die Lagos Cobá, Macanxoc, Sacalpuc und Yax Laguna.
Um die Seen und isoliert im Süden des Zentrums, der sogenannten Sinacal,
finden sich ausgedehnte Sumpfzonen (akalche). Dieser geographischen
Gegebenheit verdankt Cobá auch seinen heutigen Namen: kob ja’
bedeutet
in etwa „Verfaultes Wasser“.
Die Stätte (Abbildung 1) besteht aus über 20 benannten Gruppen,
etwa die Hälfte davon liegt innerhalb des 1972 festgelegten Areals
des archäologischen Parks. Über 40 interne sakbeo’ob verbinden
das Zentrum untereinander und die äußeren Gruppen mit diesem.
Die Länge der Dammstraßen schwankt zwischen 6 m und 6 km. Eine
detaillierte Zusammenfassung hat Benavides 1981 vorgestellt, eine nähere
Betrachtung wird hier an geeigneter Stelle gegeben. Nach Schätzungen
(Benavides 1981a: 23) dehnte sich Cobá auf mindestens 70 qkm aus.
Diese Zahl stützt sie sich im wesentlichen auf das Modell der Subzonen,
welches Benavides (1981a: 24) angewandt hat, sowie auf die Ausdehnung des
Straßennetzes (Benavides 1981b: 185f.). Trotzdem ist diese Zahl mit
Vorsicht zu genießen. Auch wenn das Modell, auf welches im folgenden
eingegangen wird, ein sinnvoller Ansatzpunkt ist, hat es doch mehr qualifizierenden
als quantifizierenden Charakter für die Siedlungsstrukturen eines
Ortes. Das Hauptproblem ist, neben einem stets vorhanden Fehlfaktor in
Kartierungen, der offene Charakter von Mayastädten, wie ihn Grube
in einer neueren Zusammenfassung (2000: 554) resümiert hat. Eindeutige
Stadtgrenzen, wie etwa Mauern, lassen sich zumeist nicht feststellen. Die
vom Zentrum abnehmende Verwendung von Steinbauten
und die zunehmende Streuung von Gebäudegruppen läßt
schließlich lediglich die Formulierung von Zonen zu, die sich um
den eigentlichen Siedlungskern gruppieren. Die Anwendung eines Zonenmodells
findet sich auch bei Untersuchungen über andere Mayastädte, vgl.
etwa die Arbeit von Sharer (1988) über Quiriguá. Dort zum Teil
diachronisch durchgeführte statistische Analysen über die Quantität
und räumliche Verteilung von architektonischen Merkmalen als konstituierende
Elemente für die Formulierung von Zonen sowie von skulptierten Monumenten
und Artefakten (Prestigegütern) gibt es über Cobá allerdings
nicht. Wie im folgenden weiter ausgeführt wird, ist jedoch die Gliederung
für Cobá wesentlich feiner ausgeführt, nicht zuletzt aufgrund
des ausgedehnten Straßennetzes. Schließlich bemerkt Grube noch,
daß „intrasite causeways, such as those found at Caracol, Yaxha and
Coba connect more than just ritual areas or elite groups and show that
they must have been used to faciliate communication and integration of
the urban area.“ (2000: 554). Dies macht die Satelliten von Cobá
damit zu echten Vorstädten und nicht zu niedriger rangierenden Siedlungen.
Da demographische Schätzungen auf zahlreichen, unpräzise
zu beantworteten Prämissen beruhen (vgl. Benavides 1981c: 219), sollen
auch hier keine arithmetischen Überlegungen dazu erfolgen[3[3] Es sei aber auf die Angaben der Literatur verwiesen: Benavides 1981c: 219.].
Solange es keine umfassende, alle Zonen berücksichtigende räumliche
und diachron ausgerichtete Untersuchung zu Gebäudeplattformen und
Wasserspeichern gibt, steht jedwede Schätzung auf einem äußerst
unsicheren Fundament, das keiner kritischen Überprüfung standhält.
Aufgrund der offensichtlich eingenommenen großen Ausdehnung des Siedlungsgebietes
von Cobá und der zu erwartenden urbanen Aggregation und der somit
hohen Bevölkerungsdichte wird die Zahl der dort lebenden Menschen
im Vergleich zu anderen, kompakteren Mayastädten höher ausgefallen
sein.
Abbildung 2: Schematische Darstellung der Subzonen. Nach Benavides 1981a: Fig. 5.
Benavides (1981a: 24) unterscheidet in der Anlage und der baulichen
Konstruktion von Cobá vier Subzonen (Abbildung 2), die er als „nuclear,
perinuclear, periférica y complementaria“ bezeichnet[4[4] Basierend auf einem älteren Modell, vgl. Benavides 1981c: 210-215.].
Mit der Bezeichnung „nuclear“ definiert er das eigentliche Stadtzentrum,
die anderen drei werden von ihm unter dem Überbegriff „suburbios“zusammengefaßt.
Im Rahmen dieser Arbeit wird diese Einteilung beibehalten, da der offene
Charakter von Mayastädten, wie einleitend gesagt, nur die Formulierung
von Zonen zuläßt. Die Besprechung des sogenannten Zentrums soll
den größten Teil einnehmen, während die suburbanen Zonen,
da auch nur unzureichend untersucht, in einzelnen, kleinen Zusammenfassungen
dargestellt werden. Das Zentrum und seine einzelnen Gebäudegruppen
selbst werden mit den suburbanen Zonen über ein Netzwerk von Dammstraßen,
den sakbeo’ob, verbunden.
An dieser Stelle soll noch eine Bemerkung zur hier verwendeten Nomenklatur
gesetzt werden. Wie Graham und Von Euw (1997: 11) schon bemängelt
haben, gibt es aufgrund der großen Anzahl von Untersuchungen verschiedener
Institutionen wenig Einheit bei Bezeichnungen. In dieser Arbeit sollen
diese gewählt werden, welche gewohnheitsmäßig verwendet
werden, bzw. Standardwerken entstammen. Gruppen werden also mit den allgemeinen
Namen (Benavides 1981a) statt mit Buchstaben (Thompson et. al. 1932) bezeichnet,
die sakbeo’ob nach Benavides (1981b) und skulptierte Monumente nach Graham
und von Euw (1997: 12, 14).
Die Einteilung der suburbanen Zonen richtet sich vornehmlich nach einem
Kriterium (Benavides 1981a: 105-115), den Entfernungen der durch die Zonen
repräsentierten Gebäudegruppen vom Zentrum bzw. von den Dammstraßen.
Funktionale Aspekte spielen offenbar nur eine sekundäre Rolle. Wohnfunktion
haben wohl offensichtlich alle Zonen besessen, es ließe sich lediglich
eine Unterscheidung gemäß des sozialen Standes treffen. Eine
vorwiegend subsistentielle Nutzung postuliert Benavides (1981a: 110-114)
für die Zone „complementaria“, spezielle Untersuchungen hierüber
haben aber bislang noch nicht stattgefunden. Die Beschreibung der einzelnen
Zonen im folgenden soll über die funktionale Nutzung dieser Komplexe
bzw. einzelner Strukturen genauer Auskunft geben.
Im Gegensatz zu der zonalen Einteilung von Benavides, die zumindest
Größenrichtwerte vorschlägt, ist die von Ellen Kintz (resümiert
in Folan et. al. 1983: 180) offensichtlich ausschließlich aufgrund
einer impressionistischen Verfahrensweise entstanden. Sie teilt ein in
das Zentrum, und eine zweigeteilte suburbane Zone. Die innere Zone ist
charakterisiert durch ihre Nähe zum Zentrum sowie wenige administrative
und zeremonielle Strukturen inmitten vieler Wohnbauten welche durch „numerous
multipurpose linear, wall-like features“ verbunden sein sollen, während
in der äußeren suburbanen Zone eine deutliche Ausdünnung
dieser Merkmale festzustellen sei. Während hier funktionale Aspekte
stärker betont werden, als dies offensichtlich bei Benavides der Fall
ist, muß man doch einen einfachen survey als Methode für diese
Art von Aussagen zurückweisen, da erst archäologische Arbeiten
in Form einer Grabung genaue Daten über die Raumnutzung liefern.
Abbildung 3: Die prinzipiellen Gruppen des Zentrums von Cobá. Die sakbeo’ob sind mit Nummern gekennzeichnet. Nach Benavides 1981a: Fig. 4.
Das Zentrum (Abbildung 3) selbst besteht nach Benavides (1981a: 25)
aus vier Gruppen, es sind die Grupos Cobá, Chumuc Mul und Nohoch
Mul, die sich in nordöstlicher Richtung oberhalb des Lago Macanxoc
erstrecken und die Grupo Macanxoc südöstlich des Sees. Nördlich
des Lago Macanxoc befindet sich eine ausgedehnte, erhöhte Fläche,
die als „gran nivelación“ bezeichnet wird. Sie umfaßt große
Teile des Zentrums, die Grupos Cobá, Chumuc Mul sowie Las Pinturas.
Sowohl Benavides (1981a: 25) als auch Folan et al. 1983: 51) zählen
Grupo Nohoch Mul noch mit dazu, auch wenn sie an anderer Stelle gegenteilig
behaupten, daß besagte Gruppe auf einer eigenen Erhebung liegt. Zum
Osten hin begrenzt wird die gran nivelación durch sakbe
8, zum Westen hin ist die Abgrenzung unregelmäßiger. Das Areal,
das von diesem Zentrum bedeckt wird, liegt bei etwa 1,5 (Folan et. al.
1983: 51) bis 2 (Benavides 1981a: 24) qkm. Folan (Folan et. al. 1983: 51)
setzt für das Zentrum drei prinzipielle Gruppen an, Grupo Macanxoc
fällt aufgrund seiner leicht peripheren Lage in dieser Zusammenfassung
heraus. Vom Zentrum aus erstrecken sich alle sakbeo’ob in die suburbanen
Zonen. Grupo Cobá dient als Ausgangspunkt für sakbe
16 nach Ixil und Grupo Nohoch Mul für sakbe 1 nach Yaxuná.
Die einzelnen Gruppen werden ausführlich in Kapitel 3.4 abgehandelt.
Neben den großen architektonischen Komplexen, die überwiegend
aus der Zeit der Späten Klassik datieren, sind während der Postklassik
vereinzelte Wohneinheiten auf den plazas der Hauptgruppen errichtet worden
(Benavides 1981c: 211).
Das Zentrum besitzt mehrere Funktionen. Im Gegensatz zu den anderen
Zonen des Stadtgebietes von Cobá besitzt es den Charakter einer
„öffentlichen Anlage“. Mit diesem modernen Begriff soll auf die Existenz
von nicht dem Wohnzwecke dienenden Strukturen verwiesen werden. Hierzu
zählen vornehmlich plazas und mit diesen konzeptionell verbundene
repräsentative Bauten wie Ballspielplätze, Tempelpyramiden und
den damit assoziierten Standorten von skulptierten Monumenten. Wie in anderen
Mayastädten auch muß das Zentrum von Cobá ebenfalls einen
Gebäudekomplex als Wohnstatt und administrativen Knotenpunkt der herrschenden
Elite beherbergt haben. Eine solche Anlage, traditionell als „Palast“ oder
teils als „Akropolis“ bezeichnet, ist für Cobá bislang noch
nicht beschrieben worden. Die architekturelle Anordnung der Strukturen
im Osten der Grupo Cobá zwischen La Iglesia und dem Ufer des Lago
Macanxoc können jedoch Hinweis auf einen solchen Palast sein. Aufgrund
der schlechten Forschungslage im Bereich der Grupo Chumuc Mul könnte
diese als Lokalität ebenfalls in Frage kommen.
Im folgenden sollen die prinzipiellen architektonischen Gebäudegruppen des zuvor abgehandelten Zentrums im einzelnen beschrieben werden. Bestimmte Strukturen und Gebäudekomplexe besonderer Signifikanz sollen dabei besonders berücksichtigt werden[5[5] Die meisten in diesem Abschnitt dargestellten Befunde und Erkenntnisse basieren auf den vom INAH durchgeführten Untersuchungen der 1970er Jahre.]. Ebenso verdienen mit bestimmten Befunden assoziierte Funde, etwa skulptierte Monumente oder die Niederlegung von Opferdepots, eine nähere Beschreibung.
Abbildung 4: Plan der Grupo Cobá. Aus Benavides 1981a: Fig. 8.
Die Grupo Cobá (Gruppe B, Benavides 1981a: 30-54, Abbildung 4)
liegt am nördlichen Seeufer des Lago Macanxoc. Die einzelnen Strukturen
bilden grob ein Rechteck von 400 mal 200 Metern in ost-westlicher Richtung.
Das Areal läßt sich in drei Bereiche unterteilen. Im Westen
findet sich eine große plaza, die im Norden, Westen und Süden
von großen Plattformen abgegrenzt wird, im Osten von einer Konglomeration
von verschiedenen Gebäudetypen: Pyramidalbasen mit Tempelgebäuden,
Plattformen, patio-gerichtete Wohneinheiten, Treppen sowie ein Ballspielplatz.
– Fünf sakbeo’ob verbinden die Gruppe mit anderen Einheiten.
Sakbe 16 führt nach Ixil, die sakbeo’ob 3 und 15 in die peripheren
Satelliten San Pedro und Kitamná, sakbe 21 nach Pech Mul
und sakbe 4 zur Gruppe Nohoch Mul.
Die größte Struktur innerhalb der Grupo Cobá ist
die so genannte Pyramide La Iglesia (Struktur II, Benavides 1984a: 34-38).
Über eine Treppe von fünf Stufen gelangt man von der großen
plaza
zu einem erhöhten patio, von dem eine Treppe den Zugang zu
den Resten eines an der Spitze befindlichen Tempels ermöglicht, der
einst ein Steindach getragen hat. Der Baukörper besteht aus neun Stufen
mit gerundeten Ecken, die insgesamt eine Höhe von 24 Metern erreichen.
Die ersten beiden Stufen werden im Westen fast vollständig vom patio
überlagert. Auf Höhe der zweiten Stufe befinden sich zwei kleine
Tempelgebäude zu beiden Seiten der Treppe. – Wie die archäologischen
Untersuchungen gezeigt haben (Benavides 1984a: 36-38), kann man drei Konstruktionsphasen
unterscheiden. Während der ersten Phase wurden auf dem Niveau des
patio drei Gebäude errichtet, die ihn nach Westen offen ließen. Im
Osten des patio findet sich das ursprüngliche Fundament der
La Iglesia. Während der zweiten Phase wurde das zentrale Gebäude
der patio-gerichteten Gruppe zu großen Teilen mit einer Treppe überbaut,
die zur Spitze der Pyramide führte. In der letzten Konstruktionsphase
wurde die Pyramide erneut überbaut, die Treppe wurde dabei verbreitert
und bedeckte nun komplett das zentrale Gebäude des patio, ebenso
wurden Teile der flankierenden Gebäude überdeckt. Die Erweiterung
von La Iglesia führt auch zur Aufstockung auf neun Terrassen mit abgerundeten
Ecken. Im patio wurden zwei kleine rechteckige Altarplattformen
errichtet, ebenso eine U-förmige, die Stele 11 aufnahm. Der neue Tempel
wurde mit einer Opfergabe eingeweiht (Benavides 1981a: 38,
Fig. 11), die unter anderem Keramiken der Endklassik, davon ein Räuchergefäß,
verschiedene teils inzisierte Kleinartefakte aus Jade, Jadeit, Serpentin
und Muscheln. Besonders hervorzuheben ist eine kleine Jadefigur, die Gott
K darstellt und wohl aus der Zeit der Spätklassik stammt und damit
ein wiederverwendetes Stück ist. Nach der Einweihung des Tempels wurde
dessen Inneres, das Stele 33 beherbergte, mehrmals durch Mauern verkleinert.
– Zur Plattform des patio und dem nördlichen Gebäude führt
die sogenannte Escalinta K’an vom Niveau der plaza hinauf, die aber
anscheinend nicht mit einer Konstruktionsphase assoziiert werden kann (José
Con 2000: 47). Die Treppe hat ihren Namen von insgesamt 15 in die Stufen
reliefierten K’an-Hieroglyphen erhalten. An den Treppenwangen ist
auf jeder Seite ein Affenkopf mit einem Zapfen in das Mauerwerk eingefügt.
Südlich von La Iglesia findet sich Struktur IV (Benavides 1981a:
48-54), eine Plattform von etwa 25 mal 30 Metern bei fünf Metern Höhe.
Drei Merkmale im Befund sind besonders auffällig. Zum einen erfolgt
der Zugang über eine fliegende Treppe von 18 Metern Breite, die mit
einem falschen Gewölbe untertunnelt wurde. An der rückwärtigen
Mauer des oben befindlichen Gebäudes finden sich Reste des einstigen
Stucküberzugs, an dem noch gut erhaltene Reste von Bemalung auch in
Form von Hieroglyphen zu finden sind (vgl. José Con & Martínez
Muriel 2002: 37). Weiterhin hat das frühere Gebäude einen Dachkamm
von etwa einem Meter Dicke getragen, der aus einer soliden Mauer bestand,
die sich aus einer tragenden Wand über das Dach gezogen hat.
Das zweite wichtige Bauwerk der Grupo Cobá ist der Ballspielplatz
(Struktur XVII, Benavides 1981a: 42-48, José Con 2000) im Norden
der patio-Plattform von La Iglesia und der Escalinta K’an. Cobá
ist die nordöstlichste Stadt, die über Ballspielplätze verfügt
(José Con 2000: 28). Der Ballspielplatz wurde erst von 1996 bis
1998 archäologisch untersucht und konsolidiert. Das Spielfeld ist
in nord-südlicher Richtung orientiert und an den Schmalseiten offen.
Das Mauerwerk, das die seitliche Spielfeldbegrenzung bildet, ist in der
Form eines talud ausgebildet und schließt oben mit einem Kranzgesims
ab. Der talud geht aus von einer vertikalen Bankette, welche ebenfalls
die nördliche und südliche Kante eines jeden Baukörpers
umfaßt. Jeder Flügel des Ballspielplatzes ist in der Mitte mit
einem steinernen Ring direkt unterhalb des Gesimses versehen. Vier Wandtafeln
sind in die taludes eingebracht (vgl. José Con 2000: 42-43). Jeder
Flügel bildet mit der spielfeldabgewandten Seite eine Plattform aus,
die ein Gebäude getragen hat. Beide Plattformen sind über eine
breite Treppe im Norden und eine schmale im Süden zu erreichen, die
östliche zusätzlich über einen breiten Aufgang im Osten.
Im Westen des Ballspielplatzes ist in postklassischen Zeiten eine niedrige
Plattform angebaut worden, welche die Stelen 9 und 10 beherbergt. Die keramische
Sequenz für Struktur XVII zeigt Material, welches vom Komplex Añejo[6[6] Datiert aus der späten Präklassik und kann mit der Phase Chicanel parallel gesetzt werden, siehe auch Kapitel 5.1.]
bis zu Phase Seco[7[7] Datiert aus der mittleren Postklassik bis zur Conquista.]
reicht (José Con 2000: 31). Keramiken der Phase Añejo zeigen die bereits sehr frühe Anlage
eines Ballspielplatzes in Cobá an, darüber hinaus bilden Scherben
dieses Komplexes auch den größten Anteil an Keramik in diesem
Bereich. Die Gebäude auf den Plattformen wurden während der Frühklassik
errichtet. Auch wenn der Ballspielplatz selbst seit dem Ende der Klassik
anscheinend nicht mehr benutzt wurde, erfüllten die Räumlichkeiten noch während
der Postklassik einen Wohnzweck. – Im äußersten Süden des
Spielfeldes fand sich ein Opferdepot (José Con 2000: 39) zwischen
dem Stuckboden und dem darunterliegenden Fundament aus Bruchsteinen. Der
Inhalt besteht aus verschiedenen Kleinfunden aus Jade, Jadeit, Grünstein,
Obsidian, Pyrit, Muschelschalen und Schneckengehäusen (vgl. José
Con & Martínez Muriel 2002: 39, 40) sowie zahlreichen Plättchen
aus den gleichen Materialien, die wohl einst Bestandteile eines Mosaiks
gewesen sind[8[8] Für Objekte vergleichbarer Fabrikationstechnik vgl. etwa verschiedene Artefakte, die aus dem Cenote de Sacrificios in Chichén Itzá stammen (Coggins & Shane 1984: Figs. 113, 114,123, 125), die Türkisscheibe aus dem Tempel des Chacmool in Chichén Itzá (Sharer 1994: Fig. 7.14) oder das Fußbodenmosaik aus Grab 49 in Topoxté (Wurster 2000: Fig. 96).],
dessen Unterlage vergangen ist.
Diese Gruppe (Benavides 1981a: 94) ist die am wenigsten erforschte innerhalb des Zentrums von Cobá. Bis zum heutigen Tage haben dort weder Ausgrabungen noch Konsolidierungsarbeiten stattgefunden. Die Gruppe befindet sich zwischen den Grupos Cobá und Nohoch Mul. Mit beiden ist sie über sakbe 4 verbunden, über sakbe 2 mit der peripheren Ansiedlung Los Altares im Norden (siehe Kapitel 3.5.2). In einem Areal von etwa 200 mal 200 Metern finden sich eine große Ansammlung von Wohngebäuden mit Resten von steinernen Kraggewölben, die sich um vier große plazas gruppieren. Die Gebäude datieren wohl aus der Klassik und entsprechen in ihrem Baustil Bauten des Petén. Einige postklassische Konstruktionen sind dagegen im Stil der Ostküste[9[9] Eine nähere Beschreibung dieses Stils folgt in der Abhandlung über den Tempel der Pyramide Nohoch Mul in Kapitel 3.4.5.] gehalten. Wie es bereits in Kapitel 3.3 angeklungen ist, hat es sich bei der Grupo Chumuc Mul wohl primär um eine elitäre Wohnanlage gehandelt, wenn sie nicht vielleicht sogar Sitz der herrschenden Linie von Cobá war.
Abbildung 5: Plan des Conjunto Las Pinturas der Gruppe D. Aus Benavides 1981a: Fig. 42.
Bei dieser Gruppe gibt es terminologische Unstimmigkeiten. Wurde sie
von Thompson (Thompson et. al. 1932) ursprünglich als Gruppe D bezeichnet,
so schlägt Benavides (1981a: 94-96) keine neue Benennung vor, jedoch
kann man beispielsweise auf den Hinweistafeln vor Ort die Bezeichnung Grupo
Las Pinturas finden, benannt nach der Hauptansammlung von Strukturen innerhalb
dieser Gruppe. Die Grenzen der Gruppe werden gebildet durch die Grupo Nohoch
Mul im Norden, die Grupo Cobá und das Ufer des Lago Macanxoc im
Süden, sakbe 4 im Westen und Teile von sakbe 8 im Osten.
Die diese Gruppe bildenden Strukturen vereinen sich zu lose verteilten
Ansammlungen („conjuntos“). Die wichtigsten und bislang eingehender erforschten
sind der bereits genannte Conjunto Las Pinturas und der Templo del Señor
Thompson. Alle bislang erforschten Reste von Architektur stammen aus der
„[...] letzten Siedlungsperiode der Stadt“ (Benavides 1981a: 96, Übers.
des Verf.), womit wohl die Zeit der Spätklassik und Frühen Postklassik
gemeint ist, da eine Reihe von skulptierten Stelen mit Strukturen assoziiert
sind und sich gleichzeitig Bauten im Stil der Ostküste finden.
Der Conjunto Las Pinturas (Benavides 1981a: 96-100, Abbildung 5) besteht
aus etwa zwanzig Strukturen, von denen bislang nur einige ausgegraben und
konsolidiert worden sind. Die Hauptstruktur bildet eine pyramidale Plattform
(Struktur I) mit fünf Stufen. Die bauliche Qualität weist auf
ein relativ spätes Entstehungsdatum hin. Auf der Plattform befindet
sich ein kleiner Tempel, dessen Türsturz Reste von Malereien
aufweist. Sie sind ähnlich denen, die man in anderen postklassischen
Gebäuden der Ostküste von Quintana Roo gefunden hat. Es handelt
sich um rechteckige Felder und Kartuschen, die Hieroglyphen und Numerale
beinhaltet haben (vgl. José Con & Martínez Muriel 2002:
37).
Die Treppe der Pyramide ist teilweise überbaut mit einem Sanktuar
mit Kraggewölbe (Struktur II), in dessen Inneren man auf einer Bankette
Stele 27 gefunden hat. Vor dieser Struktur fanden sich dreizehn kleine,
quadratische Altäre. – Im Süden findet sich Struktur III, eine
Plattform umrundet von einer niedrigen Mauer und zwei Reihen von je sieben
Säulen. Auf der Plattform hat man zahlreiche Fragmente von figürlichen
Räuchergefäßen gefunden, die ähnlich denen aus Tulúm,
Mayapán und Cancún sind (Benavides 1981a: Fig. 44). – An
anderen Bauten sind noch die Struktur IV zu erwähnen, mit der Stele
26 assoziiert ist, sowie Struktur V, welche die Gruppe nach Süden
begrenzt. Eine kleine, U-förmige Plattform bildete den Standort für
Stele 28.
Etwa siebzig Meter im Osten von Struktur I des Conjunto Las Pinturas
befindet sich der Templo del Señor Thompson, eine kleine, fünfstufige
Pyramide mit Sanktuar. Im Inneren fanden sich Reste von Opferdepots und
anthropomorphen Räuchergefäßen.
Abbildung 6: Plan der Grupo Macanxoc. Die Nummern bezeichnen Stelen. Aus Benavides 1981a: Fig. 38.
Diese Einheit (Gruppe A, Benavides 1981a: 80-94, Abbildung 6) ist durch
sakbe 9 mit der gran nivelación im Westen verbunden. Die Gruppe
befindet sich auf einer irregulären Plattform von etwa 250 mal 100
Metern, ihre Höhe schwankt zwischen einem und vier Metern, abhängig
vom Bodenniveau. Allerdings hat diese Gruppe hinsichtlich der Archäologie
weniger Beachtung erfahren als durch die Präsenz von acht skulptierten
Stelen und acht undekorierten Altären.
Im Gegensatz zu den anderen untersuchten Gruppen Cobá und Nohoch
Mul scheint die Anordnung von Strukturen innerhalb der Grupo Macanxoc keiner
Orientierung zu folgen. Die Verteilung und die Charakteristika der Gebäude,
zusammen mit ihrer Assoziation mit Stelen und Altären, daß die
Gruppe als Schauplatz für verschiedene Zeremonien gedient hat. Benavides
(1981a: 84) führt als Beispiel den Hauptzugang zur Gruppe an. Sakbe
9 mit 20 Metern Umfang bildet die breiteste Dammstraße in Cobá,
ihr Endpunkt auf einem weitläufigen Platz führt direkt zu einer
rechteckigen Plattform, auf der Stele 1 errichtet wurde, die, auf allen
vier Seiten skulptiert, zwei Herrscherdarstellungen tragend und mit 313
Blöcken Text versehen, das imposanteste Monument im Korpus von Cobá
bildet. Zum anderen hat man sehr wenige Gebäude mit Gewölben
gefunden, deren kleine Räumlichkeiten nicht dem Wohnzweck gedient
haben können. Gleichfalls fehlen Plattformen, die als Unterbauten
für Wohnungen gedient haben, oder entsprechende Grundmauern.
An Strukturen seien vielleicht folgende erwähnt. Struktur II im
Süden Gruppe ist eine pyramidale Plattform, zu deren Spitze eine Treppe
führt. In einem Sanktuar unterhalb der Treppe wurde Stele 4 aufgefunden,
zusammen mit einem Opferdepot bestehend aus verschiedenen Objekten mariner
Herkunft und einigen Jadeit-Fragmenten. Die Qualität des Depots und
die Zeitstellung der Keramik scheint darauf hinzudeuten, daß die
Stele in postklassischer Zeit dort anscheinend rituell beerdigt[10[10] Die Praxis, auch skulptierte Monumente rituell zu bestatten ist nicht ungewöhnlich. Beispiele hierfür wären in Cobá noch Stele 29 (Tempel 2 der Pyramide Nohoch Mul) TIK St. 31 (Tempel 33-sub2) oder TIK St. 40 (Tempel 29). Leider findet sich in den Berichten über Stele 4 keine Erwähnung etwa über den Einsatz von saskab.]
worden ist. – Struktur V im Osten der Gruppe ist eine aus mehreren Gebäuden
bestehende, patio-gerichtete Ansammlung. Nähere Angaben sind
der Literatur leider nicht zu entnehmen, jedoch fanden sich auf einer Plattform
vor der Struktur Stele 6, auf der Treppe eines Seitengebäudes Stele
5 und auf einer Plattform im patio Stele 7.
Abbildung 7: Plan der Grupo Nohoch Mul. Aus Benavides 1981a: Fig. 15.
Die Grupo Nohoch Mul (Benavides 1981a: 54-80, Abbildung 7)
befindet sich etwa einen Kilometer nordöstlich der Grupo Cobá und ist
auf einer natürlichen
Geländeerhebung errichtet worden. Sie bedeckt eine Fläche
von etwa 400 mal 600 Metern. Mit Struktur I, der Pyramide Nohoch Mul, beherbergt
die Gruppe das größte Gebäude in der gesamten archäologischen
Zone. Zur Grupo Nohoch Mul gehören noch einige, etwas peripher liegende
Strukturen, so die Pyramide Xaibé und einen Ballspielplatz im Süden
des eigentlichen Kernes. Die Gruppe ist durch eine ganze Reihe von sakbeo’ob
mit anderen Lokalitäten verbunden. Besonders wichtig ist sakbe
1 nach Yaxuná, mit sakbe 4 ist sie mit der Grupo Cobá
verbunden. Die Wege 5, 6 und 8 verbinden sie mit den Satelliten Telcox,
Chan Mul und Kucican.
Die Pyramide Nohoch Mul (Struktur I, Benavides 1981a: 54-58, Abbildung
8) ist mit 42 Metern Höhe nicht nur das größte Bauwerk
in Cobá sondern auch in ganz Nordyucatán. Die Basis besteht
aus insgesamt sieben Stufen mit zum Teil mehrfach rund facettierten Ecken.
Zwei nebeneinander liegende Treppen an der Südseite ermöglichen
den Zugang zu zwei Tempeln. Die axial angelegte Haupttreppe mißt
zwölf Meter Breite und führt zur Spitze der Pyramide. Sie war
offenbar eingefaßt von Balustraden oder alfardas an beiden
Seiten, wie Reste dieser Elemente an beiden Seiten des unteren Endes und
mit Stuck überzogenes Mauerwerk am linken oberen Ende anzeigen. –
Tempel 1 (vgl. Maler 1997: Fig. 103) okkupiert die Spitze der Pyramidenplattform.
Abgesehen von Versturz im Westen des Gebäudes zeigt sich der Tempel
in einem guten Erhaltungszustand. Er ist in seiner Fassadendekoration weiterhin
ein gutes Beispiel für den bereits genannten Baustil der Ostküste,
wie man ihn in anderen Stätten entlang der Karibikküste (etwa
in Muyil, Tulúm, Tancáh, Xcaret oder Playa del Carmen) antrifft.
Der Türsturz des einziges Zugangs zum Innern ist gegenüber dem
Mauerwerk eingezogen, eine einfache Kehlleiste an der oberen Fassade ist
mit ursprünglich drei Nischen versehen gewesen, die Wiedergaben des
sogenannten díos descendente tragen, möglicherweise
ein Aspekt der Venus, bekannt als xux ek’ (Sharer 1994: 415, 578,
vgl. auch Coggins & Shane 1984: 113). Reste von Bemalung lassen sich
an den in Stuck modellierten Figuren noch immer erkennen. Auch die Bautechnik
scheint Ähnlichkeiten mit den karibischen Siedlungen zu haben. Grob
behauene Steine werden durch Mörtel und kleine, wie Keile dienende
Steine, gesichert. Ursprünglich war das Mauerwerk mit einer rot bemalten
Stuckschicht überzogen. Im Tempel selbst findet sich eine niedrige
Bankette, die fast die gesamte Länge des Raums einnimmt. – Der auf
der dritten Stufe errichtete Tempel 2, über den westlich der Haupttreppe
gelegenen zweiten Aufgang zu erreichen, weist drei Eingänge und Reste
eines steinernen Daches mit falschem Gewölbe. Im Innern wurde Stele
29 in den Fußboden eingemauert. An der Basis des stark beschädigten
Monumentes fand man eine Opfergabe, bestehend aus mehreren Spondylus-Muscheln
und Strombus-Schnecken sowie einer großen Anzahl an Jadeit-Objekten.
– Auf dem Niveau der plaza, östlich der Haupttreppe gelegen
und an die erste Stufe angebaut findet sich ein weiteres Gebäude mit
drei Eingängen. Eine Bankette nimmt den hinteren Teil des Raumes ein.
Während der Ausgrabungen hat man zwei bauchige Fläschchen gefunden,
die der Ware Pizarra Muna zugerechnet werden können und aus Zeit zwischen
700 und 1000 stammen. Ähnliche Gefäße sind aus der Puuc-Region
und Chichén Itzá bekannt (Folan et. al. 1983: 76).
Abbildung 8: Pyramide Nohoch Mul, Südfassade, Nord-Süd-Schnitt, Grundriß. Aus Benavides 1981a: Fig. 18.
Die sogenannte Große Plattform (Struktur VII, Benavides 1981a:
60) ist eine etwa 110 mal 125 Meter messende Plattform von 30 Metern Höhe.
Sie besteht aus zwei rechteckigen Stufen, die über eine Treppe von
28 Metern Breite an der Südseite zu erreichen sind. Fehlende Ausgrabungen
lassen nicht viele Aussagen zu, jedoch scheinen sich auf der Plattform
zahlreiche niedrige Mauern befunden haben, ebenso fand man eine große
Anzahl von metates, was eine Wohnfunktion der Anlage nahelegt. Warum augenscheinlich
nur einfache Häuser auf einem derartig massiven Unterbau errichtet
wurden, muß unbeantwortet bleiben, Benavides vermutet, daß
die Große Plattform als eine Art „Akropolis“ fungiert hat, wie sie
aus vielen anderen Städten des Tieflandes bekannt ist, jedoch erscheint
der Vergleich zweifelhaft in Anbetracht der überwiegend massiven und
monumentalen Bauweise solcher Anlagen (etwa in Tikal, Calakmul oder Palenque).
Auch ist zu berücksichtigen, daß der Terminus „Akropolis“ keine
spezifizierende Angaben über die Nutzung solcher Gebäudekomplexe
macht.
Die Pyramide El Xaibé (Struktur XIII, Benavides 1981a: 68-70,
José Con & Martínez Muriel 2002: 40) befindet sich im
Süden der großen plaza der Grupo Nohoch Mul. Sie nimmt
eine relative Position an der Stelle ein, an der die Verlängerungen
der sakbeo’ob 1, 5, 6 und 8 aufeinandertreffen würden. Es handelt
sich um eine Struktur, die in ihrer Form stark von bekannten Bautypen abweicht,
auch wenn sie an eine Pyramide erinnert. Bei einem rechteckig-elliptischen
Grundriß reicht sie über drei Stufen zu einer Höhe von
neun Metern[11[11] Auch wenn in der Literatur andere Höhenangaben fehlen, möchte ich die von Benavides (1981a: 70) wiedergegebene Höhe aufgrund der Beschreibung bei José Con und Martínez Muriel (2002) und eigener Beobachtungen vor Ort als zu gering erachten.].
Jede Stufe ist oben mit einem Kranzgesims
abgeschlossen. Auf der Südseite befindet sich eine Art Treppe,
die auf Höhe der ersten Stufe noch einen Zugang ermöglichen kann,
jedoch nehmen die Treppenstufen ab dem zweiten Baukörper Höhen
von bis zu einem Meter bei gleichzeitigem Rückgang der Breite an.
Die Treppe kommt damit ihrer Funktion als für Menschen gedachte Zugangsmöglichkeit
nicht mehr nach und erinnert beinahe an die Scheinaufgänge, wie sie
für die Architektur der Río Bec-Region im Süden von Campeche
prägend sind. Auf der Spitze von El Xaibé findet sich ein Gebäude,
es liegen jedoch keine Informationen in der Literatur vor, ob es sich um
ein tatsächliches Gebäude mit einem Innenraum oder um einen Scheinaufbau
handelt. Zu Füßen der Treppe fand sich die stark erodierte
Stele 31. – Benavides vermutet El Xaibé selbst als eine Art Monument,
welches durch seine Plazierung am Kreuzungspunkt von vier wichtigen Dammstraßen
(eben jenen, die ein nach den kardinalen Himmelsrichtungen ausgerichtetes
System bilden, vgl. hierzu Kapitel 4.2) eine kosmologische Bedeutung gehabt
haben soll.
Die letzte Struktur der Grupo Nohoch Mul, welcher an dieser Stelle
Erwähnung bedarf, ist der Ballspielplatz (Benavides 1981a: 74-80,
José Con 2000, José Con & Martínez
Muriel 2002: 39-40) südlich dieser Gruppe, ganz in der Nähe
des Endpunktes von sakbe 4 gelegen[12[12] Dieser Ballspielplatz wird aufgrund seiner Lage gelegentlich der Gruppe D zugerechnet.]. Auch
diese Struktur besteht aus zwei Baukörpern, die ein nordöstlich-südwestlich-gerichtetes
Spielfeld eingrenzen. Im Vergleich zeigt dieser Ballspielplatz zahlreiche
architektonische Details zu seinem Pendant der Grupo Cobá (vgl.
Abschnitt 3.4.1). Drei skulptierte Wandtafeln (2, 3, 4, vgl. José
Con 2000: 43-44) sowie Stele 30 sind mit dem Ballspielplatz assoziiert.
Fragmente eines Ringes fanden sich an der westlichen Seite. – Ein
1975 im Spielfeld ausgehobener Schnitt brachte eine runde, mit Steinplatten
verkleidete Grube hervor, in die eine Opfergabe eingebracht war. Sie bestand
aus einer Muschel der Art Spondylus americanus, die 47 Objekte aus
Jade, Muscheln und Schneckengehäusen sowie eine Perle, eine Obsidianklinge,
ein Stück Pyrit sowie das Fragment eines Spiegels aus Hämatit
enthielt.
Abbildung 9a: Die Gruppe Dzib Mul, Zone „perinuclear“. Aus Benavides 1981a: Fig. 48.
Der Einteilung von Benavides folgend werden als „perinuclear“ primär
kleinere Gebäudegruppen bezeichnet, die in unmittelbarer Nähe
des Zentrums über sakbeo’ob mit diesem bzw. seinen einzelnen
Gruppen verbunden sind. Die Ausdehnung beträgt etwa 8 qkm, wobei diese
Zahl offensichtlich nur Bezug nimmt auf die Fläche, die auch tatsächlich
von den Gebäudegruppen okkupiert wird. Anscheinend gibt es in der
inneren Zone, die das Zentrum wie einen Gürtel umschließt, eine
geringe Dichte von archäologischen Hinterlassenschaften (Benavides
1981c: 213). Die Strukturen dort sind wesentlich kleiner als die des Zentrums,
aber es handelt sich weiterhin um typische patio-gerichtete Gruppen.
Die Ausführung der Gebäude ist unterschiedlich, manche sind komplett
in Stein inklusive Kraggewölbe errichtet, viele haben lediglich Mauern
aus Stein und ein Dach aus vergänglichem Material getragen. Für
die Mehrzahl kann man wohl ein Fundament mit Flechtwänden und Palmstrohdach
annehmen. Die Strukturen haben offensichtlich Wohnfunktion für die
Oberschicht gehabt. Als Beispiele werden die Grupos Dzib Mul und El Cuartel
im Süden des Lago Macanxoc angeführt, weitere Komplexe sind die
ebenfalls südlich gelegenen Gruppen Pech Mul, Uitzil Mul und Domingo
Falcón sowie Uxulbeuuc im Osten der Grupo Nohoch Mul (vgl. Benavides
1981b: Figs. 31, 24, 25, 19). Das sich gerade im Süden des Zentrums
eine Konzentration von derartigen Architekturkonglomeraten findet, ist
wohl auf die Präsenz fruchtbarer Böden in diesem Bereich zurückzuführen.
Nach Benavides (1981a: 108) ist ein weiteres wesentliches Merkmal der Zone
„perinuclear“ die Einbettung der Lagos Xcanhá, Sacalpuc und Yax
Laguna. Diese Zuordnung stellt sich allerdings problematisch dar. Einerseits
findet sich im Bereich der Seen eine Konzentration von
Gebäuden besagter Zone, zum anderen haben die Seen wohl auch für
das eigentliche Zentrum eine Bedeutung hinsichtlich der Wasserversorgung
besessen.
Abbildung 9b: Die Gruppe El Cuartel, Zone „perinuclear“. Aus Benavides 1981a: Fig. 49.
Dzib Mul (Benavides 1981a: 105-108, Abbildung 9a), im Südwesten
gelegen, ist der Endpunkt von sakbe 18 und ist weiter über
sakbe 15 mit der Grupo Cobá verbunden. Die Anlage läßt
sich in zwei Strukturen unterscheiden, die jeweils einen Innenhof auf einem
unterschiedlichen Niveau tragen. Anlage A im Osten trug einst Mauern. Was
die Konstruktion des Daches betrifft, ist Benavides an dieser Stelle unpräzise:
die Verwendung der Formulierung „habitaciones techadas con bóveda“
hier im Gegensatz zu „cuartos techados con bóveda maya“ an anderen
Stellen läßt ein Palmstrohdach vermuten. Die Anlage B, über
eine Treppe zu erreichen, zeigt heute noch verschiedene Räume mit
gut erhaltenem Mauerwerk. Auch hier muß sich einst ein Dach aus vergänglichem
Material befunden haben. Diese Anordnung auf einer Plattform oder zwei
Fundamente, die Höfe umlaufen ist ein wesentliches Merkmal in der
Subzone von Cobá. Der Name der Gruppe rührt von einigen skulptierten
Steinblöcken her, die kalendarische Angaben tragen.
El Cuartel (Benavides 1981a: 108, Abbildung 9b) befindet sich westlich
von sakbe 15. Die Mehrzahl der Gebäude bildet eine offene Hofgruppe
auf einer Plattform. Das größte Gebäude befindet sich im
Westen der Plattform. Über eine kleine Treppe zu erreichen, beinhaltet
es vier Räume und ist komplett aus Stein errichtet. Die Form der Anlage
und der Gebäude ist erneut Indikator für eine Wohnfunktion.
Hierunter werden die Gebäudegruppen verstanden, die sich vor allem
im Norden und Süden der vorgenannten Subzone befinden und als eine
Art Satellit den Endpunkt eines sakbe von maximal 6 km Reichweite
bilden. Die Gesamtfläche beträgt an die 2 qkm. Zu den Gruppen
der Peripheriezone zählen im Norden Kubulté, San Pedro, Los
Altares und Telcox (vgl. Benavides 1981b: Figs. 37, 14, 13, 17); im Osten
Chan Mul und Mulucbacob (vgl. Benavides 1981b: Figs. 18, 23); im Süden
Lab Mul, Nuc Mul, Kucican und Kitamná (vgl. Benavides 1981b: Figs.
34, 27, 20, 21, 28) sowie im Westen Chikín Cobá und Oxkindzonot
(vgl. Benavides 1981b: Fig. 36, Benavides 1981a: 108). Die Gruppen wurden
stets auf einer leichten Anhöhe errichtet, während die umgebenden
Wohnsiedlungen stets niedriger angelegt waren.
Eines der herausstechenden Merkmale dieser Subzone ist das Vorhandensein
einer großen plaza am Ende eines jeden sakbe, der eine Einheit mit
dem Zentrum verbindet. An diesem Platz findet sich in der Regel ebenfalls
die größte Struktur der Gruppe. Benavides (1981a: 110) sieht
darin eine ökonomische Funktion dieser Vororte, der Platz sollte sowohl
eine Marktfunktion für die in der Umgebung lebende Bevölkerung
haben, also den Menschen der Komplementärzone, als auch die einfache
Kontrolle, Konzentration und Koordination von Menschen und Gütern
vom und ins Zentrum ermöglichen.
Benavides rechnet dieser Subzone insgesamt 58 qkm zu und teilt sie
in zwei Sektionen ein (1981a: 110), eine innere und eine äußere,
von denen die erste etwa 15 und letztere 43 qkm umfassen soll. Die innere
Zone umschließt bis zu einer nicht näher definierten Breite
die sakbeo’ob, welche die peripheren Zonen mit dem Zentrum verbinden,
als auch die Zone „perinuclear“. Die äußere hingegen umfaßt
alle vorgenannten Zonen mit einer von Benavides vorgeschlagenen Breite
von einem Kilometer und stellt damit den äußersten Bereich von
Cobá dar. Bislang gibt es noch keine ausführlichen Analysen
über die Komplementärzone von Cobá, sie ist lediglich
in einigen Teilen über die Erforschung der sakbeo’ob bekannt
wie auch durch einige Pfade, die sie durchziehen, und in dieser Hinsicht
einen survey in der unmittelbaren Umgebung gestatten. Für einen
begrenzten Abschnitt zwischen den sakbeo’ob 2 und 3, die zu den
Satelliten San Pedro und Los Altares im Norden des Zentrums führen,
gibt es einen umfassenden survey, den Folan im Rahmen seines Projektes
(Folan et. al. 1983) durchgeführt hat und der von ihm als „Zone 1“
bezeichnet wird. Folgende Schlüsse kann man aus den bisher gemachten
Untersuchungen ziehen:
Die Besiedlungsdichte nimmt mit kontinuierlicher Rate von der Grenze
zur übergeordneten Zone ins Hinterland ab, d.h. also von dem Gürtel,
der das Zentrum umgibt, den Satelliten der Peripheriezone und den sakbeo’ob.
Die größte Anzahl von Hinweisen auf vorkoloniale Besiedlung
in diesem Bereich stammt von Grundmauern auf niedrigen Steinplattformen
oder flachen Felsen, die einen Aufbau aus vergänglichem Material getragen
haben. Zumeist haben die Fundamente mehr als ein Haus getragen. Umgeben
sind besagte Plattformen von niedrigen, etwa 0,4 bis 1 m hohen Trockenmauern
aus Bruchstein. Die Verteilung sowie die äußere Form der durch
diese Mauern abgegrenzten Areale folgt keiner regelmäßigen Anordnung.
Diese Muster finden sich nicht nur in Cobá sondern auch in anderen
Mayastädten, etwa Chunchucmil, Dzibilchaltún, Cozumel oder
Tulúm. Ebenso gibt es in der Anlage dieser Wohneinheiten starke
Parallelen zu heutigen, traditionellen Mayadörfern. Die ummauerten
Plattformen entsprechen damit dem rezenten k’ot, jener Einheit in
der sich das Leben auf familiärer Ebene abspielt. Neben den Aktivitäten
des täglichen Lebens beinhaltet dies auch handwerkliche Tätigkeiten.
Während die milpa in der Regel weiter außerhalb einer Siedlung
liegt, werden innerhalb der Ummauerung eines k’ot zumeist Haustiere
gehalten und in einem kleinen Areal Gemüse und Kräuter angebaut.
Darüber hinaus sind eine große Anzahl der ummauerten k’oto’ob
mit verschiedenen Arten von Mauern oder niedrigen Steinanlagen mit anderen
Einheiten verbunden.
Wie Fletcher (in Folan et. al. 1983: 101-102) vermutet, dienten diese
wohl unter anderem als Grenzmarkierungen und Wege. Kintz (in Folan et.
al. 1983: 181-188) versucht, aufgrund der Verteilung von Gebäudeplattformen
und den als „linear features“ bezeichneten Verbindungen, ein soziales Beziehungsnetzwerk
herzustellen. So sollen nahe beieinander liegende und verbundene Plattformen
untereinander eine engere soziale und interaktive Beziehung gehabt haben,
etwa als Wohnbereiche einer lineage, als isoliert liegende Einheiten.
Tatsächlich nimmt die Verwendung der linear features vom Zentrum
ab, ein Indikator für einen schwächer werdenden urbanen Charakter,
der befestigte Wege vermissen läßt und letztendlich macht größerer
Raum das Errichten von Grenzen weniger nötig als das dicht bebaute
Land von Benavides Zone „perinuclear“. Die Abnahme von Gebäudeplattformen
in den äußersten Bereichen ist demnach nichts anderes als die
Streuung einzelner Gehöfte inmitten einer zunehmend landwirtschaftlich
genutzten Fläche.
Wie sich erkennen läßt, finden sich im Bereich der Zone
„complementaria“ hauptsächlich von funktionalistischen Aspekten bestimmte
archäologische Untersuchungen.
Großflächig angelegte Arbeiten, die mittels Verteilungsanalysen
von Kleinfunden sowie organischer Reste Aktivitätszonen und Aktivitätsmuster
zu erschließen suchen, fanden, auch in anderen Bereichen der Stadt,
nur in einem geringen und unzureichend zu erachtenden Maße statt.
In einer Region, die sich durch das überwiegende Fehlen von oberflächlichem
Wasser auszeichnet, waren die natürlichen Ressourcen, die im Areal
von Cobá vorkommen, ein wesentlicher Vorteil für die Wasserversorgung
der Stadt. Von den vier größeren Seen dienten wohl vor allem
die Lagos Cobá und Macanxoc der Versorgung der Stadt, bzw. des Zentrums
mit Wasser. Archäologisch lassen sich verschiedene bauliche Merkmale
nachweisen, mit denen die Nutzung der Reservoire und der Niederschläge
gewährleistet werden sollte.
Zum einen sind viele Seen (Folan et. al. 1983: 34) aber auch Wasserlöcher
mit zum Teil mehreren Dämmen umgeben. Dies geschah zum einen, um das
Stauvolumen zu erhöhen, zum anderen um Überschwemmungen des Siedlungskernes
während der regenreichen Sommermonate zu verhindern. Darüber
hinaus scheint es eine künstliche Verbindung zwischen den Lagos Cobá
und Macanxoc in der Form mehrerer Kanäle zu geben, die unter dem Damm
verlaufen, auf dem sakbe 15 von der Grupo Cobá nach Kitamná
angelegt ist.
Über das gesamte Siedlungsgebiet verteilt finden sich darüber
hinaus verschiedene aguadas, chultunes, cenotes und
einige Frischwasserquellen. Die Dokumentation dieser Anlagen ist allerdings
mehr als lückenhaft. So findet sich im Anhang von Folan et. al (1983)
zwar eine Erfassung von Gebäuden und Wasserspeichern in seiner „Zone
1“, weitere Kartierungen anderer Abschnitte liegen aber nicht vor und die
Verteilungsmuster der Reservoire in der untersuchten Zone sind, wie etwa
am Beispiel von Xkipché, Yucatán, Mexiko (Welter 1995 MS),
nicht analytisch aufgearbeitet worden.
Klimatische Veränderungen lassen sich ebenfalls nachweisen (Folan
et. al. 1985: 43). Wie neuere Untersuchungen zeigen konnten, sind zumindest
Teile der Seen aus alten saskaberas, Steinbrüchen für
Mergel, entstanden, die etwa in der Frühen Klassik (ca. 250-500 n.
Chr.) aufgrund eines niedrigen Grundwasserspiegels trocken lagen. So wurden
in dieser Zeit durch die Senke, die heute den Lago Macanxoc bildet, zwei
sakbeo’ob errichtet, die zu peripheren Satelliten führten.
Mit dem Anstieg des Grundwasserspiegels, möglicherweise durch ansteigende
Regenfälle, füllte sich die Senke wieder.
Eine gezielte Untersuchung über das verfügbare Wasser, welche
einen Aufschluß über die zu erwartende Bevölkerungszahl
geben könnte, ist somit schwierig durchzuführen, da das exakte
Stauvolumen der Seen nicht rekonstruierbar ist. Somit kann man lediglich
über die Verteilung von Wasserspeichern eine, wenngleich unpräzise,
Schätzung abgeben.
Cobá besitzt das ausgedehnteste Netz von sakbeo’ob im gesamten Mayagebiet (Abbildung 1, Karte 2). Lediglich Caracol, Cayo District, Belize, besitzt eine vergleichbare Anzahl und ein ähnlich großes Streckensystem wie Cobá. Insgesamt lassen sich 45 sakbeo’ob nachweisen, die im Zentrum und vom Zentrum zu Gruppen in den äußeren Zonen verlaufen. Darüber hinaus ist der Kern von Cobá über sakbe 1 (ausgehend von der Grupo Nohoch Mul) mit dem 96 km entfernten Yaxuná über die Orte Cuacan, Xcahumil, Ekal und Sisal und mit sakbe 16 (ausgehend von der Grupo Cobá) zum 20 km entfernten Ixil verbunden.
Benavides (1981b: 147-148) schlägt acht Variablen vor, anhand derer er die Typisierung der einzelnen Dammstraßen von Cobá vornehmen möchte. Es sind 1.) die Länge, 2.) die Breite, 3.) die Höhe, 4.) die Fläche, 5.) das Volumen, 6.) Strukturen mit Rampen, die auf den Wegen errichtet wurden, 7.) Abzweigungen und 8.) angebaute Plattformen, die sakbeo’ob 44 und 45 fallen aus seiner Untersuchung heraus, da ihre Eigenschaften erst nach der Analyse ermittelt wurden. Das Endergebnis der von Benavides durchgeführten Analyse teilt die Straßen von Cobá in vier Typen ein, die in Tabelle 1 zu ersehen sind.
| Typ (Anzahl) | Regional (2) | Zonal (8) | Lokal A (18) | Lokal B (15) |
|---|---|---|---|---|
| Länge | 20.000 m bis 100.000 m | 1578 m bis 5643 m | 17 m bis 728 m | 6 m bis 557 m |
| Breite | 6 m bis 10 m | 6 m bis 10 m | 2 m bis 20 m | 1 m bis 6 m |
| Höhe | 0,75 m | 1 m bis 2 m | 1 m bis 2 m | 0,30 m bis 0,50 m |
| Volumen | 90.000 qm bis 750.000 qm | 12.072 qm bis 80.412 qm | 34 qm bis 18.400 qm | 5 qm bis 1332 qm |
| Strukturen mit Rampen | 5 bis 17 | 0 bis 4 | 0 | 0 bis 1 |
| Gabelungen | 1 bis 3 | 0 bis 8 | 0 bis 3 | 0 bis 3 |
| angebaute Plattformen | 0 bis 1 | 0 bis 9 | 0 bis 3 | 0 |
Tabelle 1: Typologie der sakbeo’ob von Cobá. Nach Benavides (1981b: 167).
Karte 2: Das regionale und zonale Straßennetz von Cobá. Kartengrundlage: Microsoft Encarta Weltatlas, Entwurf: Sven Gronemeyer.
Die regionalen Dammstraßen (Benavides 1981b: 168) verbinden demnach
das Zentrum von Cobá mit Siedlungen, die außerhalb des urbanen
Areals von Cobá liegen, es sind also sakbe 1 nach Yaxuná
und sakbe 16 nach Ixil. Ihre Identifizierung beruht im wesentlichen
auf ihrer großen Länge, die sich deutlich von den anderen Wegen
abhebt. Sie besitzen demnach auch die größte Anzahl an Rampen.
Und man kann vermuten, was aber aufgrund der schwierig zu realisierenden
Forschung hinsichtlich der großen Länge nicht nachgewiesen ist,
daß sie ebenfalls die größte Anzahl an Gabelungen und
angebauten Plattformen besessen haben mögen.
Die zonalen sakbeo’ob (Benavides 1981b: 168) verbinden die Gruppen
des Zentrums von Cobá mit den Satelliten der Zone „periférica“.
Es handelt sich um die Wege 2, 3, 5, 6, 8, 10, 14 und 15. Diese Straßen
besitzen auch die nachweisbar größte Anzahl an Rampen und angebauten
Plattformen sowie an Gabelungen, sicher ein Resultat der vermehrt auftretenden
Kreuzungen im Zentrum und der Abzweigungen zu kleineren Plattformen im
Bereich der Satelliten. Einige Straßen führen über Dämme
durch Seitenarme und Buchten der Seen (Thompson et. al. 1932: 128).
Die lokalen Wege (Benavides 1981b: 168-169) zeichnen sich vor allem
durch eine enorme Variation in ihrer Länge und Breite aus. Die Unterscheidung
in Typ A und B erfolgt im wesentlichen nach folgenden Kriterien: ihrer
Höhe, das stete Fehlen von Rampen für den Typ A und von angebauten
Plattformen für den Typ B. Von allen diesen sakbeo’ob dienen
33 (oder 78,5 %) dazu, regionale und zonale Straßen mit architektonischen
Gruppen zu verbinden, zumeist im Gebiet der Zonen „nuclear“ und „perinuclear“.
Zwei Wege führen zu einer sascabera.
Betrachtet man die Straßen von Cobá in ihrem integralen
Kontext, so kann man zwei verschiedene Systeme entdecken, die Teile des
Zentrums von Cobá mit
außenliegenden Bezirken verbinden. Nicht jede der sakbeo’ob
ist Bestandteil eines dieser Systeme. Welche Implikationen sich hinter
dieser Aufteilung verbergen, wird Bestandteil der folgenden Diskussion
sein. Die beiden Systeme, von Benavides (1981b: 172) nach ihren Ausgangspunkten
als „System Cobá und „System Nohoch Mul“ bezeichnet, formen jeweils
eine kreuzförmige Anlage, welche mit den vier kardinalen Himmelsrichtungen
assoziiert ist. Folgende Tabelle listest die einzelnen Bestandteile eines
jeden Systems auf:
| Merkmale | System Cobá | System Nohoch Mul |
|---|---|---|
| 1. Mit Himmelsrichtungen verbundene Straßen | 3 (N); 10 (O); 14, 15 (S); 16 (W) | 5 (N); 6 (O); 8 (S); 1 (W) |
| 2. Größte Anzahl von Abzweigungen und Endpunkten im Süden | Kitamná, Nuc Mul, Pech Mul, Dzib Mul | Sinacal, Uitzil Mul, Domingo Falcón, Lab Mul, Kucican |
| 3. Zentrum und Ausgangspunkt ist eine große Plaza | Grupo Cobá | Grupo Nohoch Mul |
| 4. Regionale Straße nach Westen orientiert | 16 (nach Ixil) | 1 (nach Yaxuná) |
Tabelle 2: Kardinale Straßensysteme von Cobá. Nach Benavides (1981b: 172).
Die kardinal angelegten Straßensysteme produzieren also ein Kosmogramm,
welches dem prophanen Raum eine säkulare Dimension verleiht. Die axiale
Aufteilung und Gliederung, notwendigerweise nicht nur durch ein Straßensystem
sondern durchaus auch durch Gebäudegruppen realisiert, ist ein kosmographisches
Prinzip, welches sich auch bei anderen Maya-Siedlungen[13[13] Vergleichbare Teilungen finden sich auch in ganz Mesoamerika, vgl. etwa Tenochtitlan.]
findet, etwa in Chichén Itzá und Caracol, aber auch in kleinen
Orten wie in Xkipché. Die räumliche Ordnung ist somit Indiz
für eine geplante Siedlung. Ebenso zeigt sie, nach Meinung von Alexander
Voß (pers. Mitteilung, Februar 2002), die Präsenz einer lokalen
Elite an, die das Privileg der Anlage einer sakralen Ordnung besessen hat.
Vergleicht man die Systeme Cobá und Nohoch Mul untereinander,
so fällt lediglich die größere Ausdehnung des letzteren
ins Auge, Folge seiner Reichweite bis in das 100 km entfernte Yaxuná.
Beide Systeme besitzen in etwa die gleiche Anzahl an sakbeo’ob,
beide verbinden einen Satelliten im Norden, zwei im Osten und die Mehrzahl
im Süden der Stadt, sowie eine außerhalb liegende Stadt im Westen.
Die Annahme, diese Straßen seien mit religiösen Vorstellungen
verbunden (Benavides 1981b: 176), trifft aber nur auf die Wiedergabe einer
Kosmologie zu, sie haben selbstverständlich auch einen ganz praktischen
Charakter besessen. Zur Funktion sei auf Kapitel 4.3 verwiesen.
Die Frage, warum Cobá zwei kreuzförmige Systeme besitzt,
ist schwierig zu beantworten. Benavides (1981b: 176) ist der Auffassung,
daß das System Cobá älter ist und das weitaus größere
System Nohoch Mul die zunehmende Ausdehnung von Cobá wiederspiegelt,
sowohl in politischer wie in ökonomischer Hinsicht. Diese Sichtweise
birgt jedoch einige Probleme. Benavides versucht seine Anschauung durch
die Archäologie zu untermauern und präsentiert eine Keramiksequenz,
die für die Grupo Cobá in der Phase Añejo begonnen hat,
während die Ausgrabungen in der plaza der Grupo Nohoch Mul
keine Keramiken hervorgebracht haben, die älter als der Horizont Palmas[14[14] Datiert aus der späten Klassik und kann mit der Phase Tepeu I gleichgesetzt werden.]
sind. Ausgrabungen in oder an den sakbeo’ob selber, die zur Frage
der Datierung beitragen könnten, fehlen bislang überwiegend.
An Thompsons (Thompson et. al. 1932: 129) Feststellung, daß die Frage
der Datierung der Straßen bestenfalls problematisch sei, hat sich
bis zum heutigen Tage nicht viel geändert. Die vom momentan laufenden
Projekt (María José Con, pers. Mitteilung, Dezember 2002)
durchgeführten Schnitte durch die Anfangspunkte von sakbe 1
und drei weitere Dammstraßen hat bislang noch keine Ergebnisse in
Form einer Publikation geliefert und kann hier nicht berücksichtigt
werden. Man kann aber vermuten, daß die peripheren Satelliten relativ
früh zum Einflußbereich von Cobá gehört haben und
die Konstruktion der zonalen und lokalen sakbeo’ob damit kongruent
ist. Eine wirkliche Ausdehnung der Vormachtstellung von Cobá könnte
man demnach am ehesten, wenn überhaupt, an den regionalen Straßen
festmachen. Schließlich bleibt auch die über die Archäologie
zu beantwortende Frage bestehen, seit welchem Zeitpunkt Cobá über
eine autonome Elite verfügt hat, die in der Lage war, überhaupt
ein kosmologisch ausgerichtetes Straßensystem zu bauen, bzw. das bereits bestehende
zu dieser Form zu modifizieren. Diese Schritt muß nicht zwingend
mit dem Errichten von skulptierten Monumenten in der Spätklassik begonnen
haben.
Neben diesem aus regionalen und zonalen Dammstraßen aufgebauten
zweifachen System gibt es natürlich noch weitere zonale und lokale
Wege, die augenscheinlich keinem regelmäßigen Muster folgen.
Sakbe 2 zwischen der Grupo Chumuc Mul und Los Altares scheint eine
nördlich verlaufende Verstärkung der beiden Kreuzsysteme zu sein.
Die sakbeo’ob 4, 19, 24 und 30 dienten wohl der Verbindung von Gruppen
innerhalb des Zentrums selbst bzw. von Gruppen der Zone „perinuclear“ mit
der Kernzone. Die sakbeo’ob 25 und 27 bleiben ohne Anbindung.
Welcher Funktion die sakbeo’ob gedient haben mögen ist eine
bislang vernachlässigte und unbeantwortete Frage. Verschiedene Möglichkeiten
sollen hier diskutiert werden. Die von Grube (2000: 554) aufgestellte und
in Kapitel 3.1 zitierte Auffassung mag generell gelten, jedoch kann man
aus rein pragmatischen Gründen fragen, warum zur Erleichterung der
Kommunikation ein solch komplexes und monumentales System hätte errichtet
werden sollen. Da alle Satelliten von Cobá nicht weiter als sechs
Kilometer vom Zentrum entfernt liegen, rechtfertigt dies nicht den enormen
baulichen Aufwand[15[15] Man bedenke die Existenz der Wege 25 und 27, die isoliert und ohne Anbindung an das Straßennetz bleiben.].
Da Zug- und Lasttiere ebenso
wie das Rad in Mesoamerika unbekannt waren, scheidet eine Nutzung primär
für den Gütertransport ebenfalls aus. Nach Meinung von Benavides
(1981b: 176) dienten diese Wege, einmal von ihrer kosmographischen Funktion
abgesehen, einer Verbindung mit und einer Kontrolle über den Cobá
umgebenden Raum. So finden sich etwa im Süden der beiden großen
Seen Gebiete vergleichsweise fruchtbarer Böden, die Häufung von
architektonischen Gruppen und die damit einhergehende Anbindung durch ein
Wegesystem erscheint damit logisch. Mit Sicherheit haben die Dammstraßen
nach ihrer Errichtung auch den besagten Zwecken gedient, müssen aber,
wie die zahlreichen Maya-Städte ohne ausgedehntes Wegenetz zeigen,
nicht notwendigerweise für die Kontrolle über ein Herrschaftsgebiet
gedient haben. Eventuell stellte die Anlage eines Wegenetzes eine (von
vielen) Möglichkeit zur Darstellung eines Herrschaftsanspruches über
ein bestimmtes Gebiet oder eine andere Stadt dar.
Sie hat somit eine Bedeutung als Prestigeobjekt zur Selbstdarstellung
der herrschenden Elite. Die teilweise enorme Breite von bis zu 20 Metern
kann ein Indiz für einen zeremoniellen Charakter für gewisse
Straßen sein, etwa daß sie als Prozessionswege gedient haben.
Ein gutes Indiz hierfür wäre beispielsweise der sakbe,
der den zentralen Platz in Chichén Itzá mit dem Großen
Cenote verbindet. Die Anlage von Straßen, die sich offensichtlich
im zentralen Maya-Gebiet entwickelt hat, ist dabei aber unabhängig
von der Herrschaftsform, wie ein ebenfalls gut ausgebautes Netz in Chichén
Itzá beweist (zur Herrschaftsorganisation dort vgl. Voß &
Kremer 2000), während Cobá offensichtlich in der Tradition
des Gottkönigtums des klassischen Tieflandes stand (vgl. Kapitel
6).
Abschließend kann man festhalten, daß die Straßen
durchaus einen Nutzen als Verkehrswege gehabt haben, der aber erst sekundär
entstanden ist, während primär ein Herrschaftsgedanke im Vordergrund
gestanden hat.
Die Bauweise aller sakbeo’ob von Cobá ist prinzipiell
die gleiche (Benavides 1981b: 70). Im Kern bestehen sie aus großen
Bruchsteinen, auf die eine Schicht kleinerer Steine aufgeschüttet
wurde (bak pek) und darauf wiederum eine Schicht verdichteten Kieses
(bak chich). Die sakbeo’ob mit einer großen Breite
und Höhe sind überdies noch mit einer Lage von breiten, rechteckigen
Steinplatten abgedeckt. Die Einfassungsmauern bestehen aus mehrlagigen,
rechteckig behauenen Bruchsteinen. Den Abschluß, gewissermaßen
den Straßenbelag, bildet in allen Fällen eine mehr oder minder
dicke Stuckschicht.
Wie der Schnitt durch sakbe 1 zeigt (Benavides 1981b: Fig. 8),
ist zumindest diese Dammstraße an die Plattform der Grupo Nohoch
Mul angesetzt und zieht sich nicht unter die Plattformkante, ein Hinweis
auf die spätere Konstruktion. Inwieweit man dieses bauliche Phänomen
generalisieren kann, läßt sich aus der Literatur nicht entnehmen.
In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, die Geschichte von Cobá anhand archäologischer Daten zu rekonstruieren und Angaben über die Siedlungsspanne der Stätte zu treffen. Die Epigraphik (Kapitel 5.2) kann diese Aussagen ergänzend präzisieren, jedoch muß aufgrund des allgemein schlechten Erhaltungszustandes vor zu großem Optimismus gewarnt werden. Ebenso umfassen die bislang geborgenen und hier berücksichtigten Inschriftenträger lediglich einen etwa 180 Jahre dauernden Zeitraum zum Ende der Spätklassik und können von daher nur begrenzt Auskunft über den Ort geben.
Eine Siedlungsgeschichte von Cobá anhand der Archäologie
aufzustellen, gestaltet sich als problematisch, da außer den Grabungen
im Zentrum zumeist nur Oberflächenbeschreibungen für andere Zonen
stattgefunden haben. Hinzu kommt die vergleichsweise schlechte Publikationslage,
die kaum archäologisches Datenmaterial hergibt und sich auf flüchtige
Beschreibungen und Interpretationen beschränkt, so daß es für
diese Arbeit schwerlich möglich war, eine Gesamtbetrachtung anhand
des Datenmaterials zu erstellen, sondern überwiegend nur die Darstellungen
aus der Sekundärliteratur zu verarbeiten. Die sicherste Grundlage,
die auch Einblicke in die Beziehungen von Cobá geben, bildet das
keramische Material, das im folgen näher beschrieben wird. Einen groben
Überblick über die allgemeine Geschichte der Siedlung gibt Folan
(Folan et. al. 1983: 211-214).
Zumindest einige Teile des oben beschriebenen Siedlungsareals waren
seit der Präklassik besiedelt, wie die Untersuchung von Robles Castellanos
(1990) in Form einer Keramiksequenz zeigen. Keramiken aus 136 Testschnitten
sowie Oberflächenfunden bildeten die Materialgrundlage. Die lokale
Sequenz reicht von der späten Präklassik bis in die späte
Postklassik (Robles Castellanos 1990: 253-264). Benavides (1981b: 176)
gibt den Hinweis, daß bei Schnitten im Bereich des Hauptplatzes der
Grupo Cobá Keramiken gefunden wurden, die der Phase Añejo
zuzuordnen sind, die allerdings nur in äußerst geringer Zahl
zu Tage kamen (Folan et. al. 1983: 213). Dieses Areal scheint wohl der
älteste Teil von Cobá zu sein. Der Añejo-Komplex (ca.
200 v. Chr. bis 350 n. Chr.) zeigt neben einigen Eigenentwicklungen große
Beeinflussungen durch die großen Zentren des Maya-Tieflandes (Robles
Castellanos 1990: 33-36), eine Anbindung, die bis in die Späte Klassik
andauert. Erste Einflüsse des Nordwestens der Halbinsel Yucatán
zeichnen sich im frühklassischen Blanco-Komplex (ca. 350 bis 550 n.
Chr.) ab, der in seiner generellen Zusammensetzung dem Tzakol-Komplex von
Uaxactun ähnelt. Besagte Einflüsse zeichnen sich durch frühe
Gefäße der Ware Puuc Slate aus (Robles Castellanos 1990: 36-37).
Im spätklassischen Palmas-Komplex (ca. 550 bis 750 n. Chr.) ist die
immer noch sehr enge Anbindung von Cobá an das zentrale Tiefland
sehr deutlich durch ähnliche polychrome Gefäße zu erkennen,
sowie Gefäße der Ware Peten Gloss (Robles Castellanos 1990:
160-162, 258-259). Allerdings bestehen auch weiterhin Anbindungen an den
Nordwesten der Halbinsel durch das Auftreten von Keramiken der Waren Fine Gray und Puuc Slate (Robles
Castellanos 1990: 38). Die engen technologischen und stilistischen Beziehungen
zum zentralen Tiefland brechen im spätklassischen Oro-Komplex (ca.
750 bis 1100/1200 n. Chr.) vollkommen ab, während die Einflüsse
des Nordwestens zunehmen, wie man am vermehrten Auftauchen der Waren Puuc
Slate, Thin Slate, und Teabo Red feststellen kann, die aber basierend auf
den lokalen Tonvorkommen leichte Variationen aufweisen (Robles Castellanos
1990: 38-39, 178-211, 260). In geringen Mengen lassen sich ebenfalls Keramiken
der Ware Chichen Slate nachweisen (Robles Castellanos 1990: 211-217, 261).
Nach Folan (Folan et. al. 1983: 213) entwickelte sich Cobá während
der letzten Jahrhunderte der Siedlungsphase Pakchen (ca. 250 bis 600 n.
Chr.) von einem Häuptlingstum (chiefdom-level society) zu einem
Stadtstaat (city-state status). Die größte Ausdehnung
von Cobá „[...] as a civic-religious-economic center and metropolis
[...]“ (Folan et. al. 1983: 213) fand in der folgenden Siedlungsphase Machukaani
statt (ca. 600 bis 800 n. Chr.), in der Cobá als eine Art regionaler
Hegemonial-Hauptstadt den Nordosten der Halbinsel Yucatán kontrolliert
haben soll. Aus dieser Zeit stammen alle datierbaren Steininschriften sowie
(nach Joseph Ball, zitiert in Folan et. al. 1983: 213) die größte
Anzahl der oben bereits beschriebenen linear features. Große Mengen
an Keramiken des Palmas-Komplex datieren aus dieser Phase.
Nach dieser Zeit eines ausgedehnten Machtbereiches verringerte sich
der Einfluß von Cobá während der Siedlungsphase Xmakabah
(ca. 800 bis 1000 n. Chr.), der sich in einem Rückgang der politischen
und wirtschaftlichen Kräfte (Folan et. al. 1983: 213) wiederspiegeln
soll. Während dieser Zeit rückte der Ort nach der Meinung von
Folan wieder auf die Stufe eines Häuptlingstums zurück. Während
der Postklassik könnte Cobá Verbindungen zu Chichén
Itzá und Mayapán besessen haben (Folan et. al. 1983: 213).
Nach dem Fall Mayapáns büßte der Ort den größten
Teil seines verbliebenen Einflusses ein, blieb aber weiterhin ein Pilgerzentrum
sowohl für die Maya der Ostküste als auch für Gruppen Zentralyucatáns.
Bis zum heutigen Tage besitzt Cobá eine gewisse religiöse Bedeutung
und auf dem ehemaligen Siedlungsareal verteilt finden sich immer noch einzelne
Wohnanlagen von Bauern und Jägern.
Bis zum heutigen Tage hat man in Cobá 34 skulptierte Stelen sowie
eine Reihe von Wandtafeln gefunden. Alle Monumente bestehen aus Kalkstein
schlechter Qualität, der häufig Inklusionen von Muschelschalen
aufweist. Weiterhin sind alle Monumente in einem hohen Maße verwittert,
was die Identifizierung von hieroglyphischen Texten und ikonographischen
Elementen schwierig gestaltet. Aus diesem Grunde sind dynastographische
Aussagen und eine Rekonstruktion der politischen Beziehungen und historischen
Gegebenheiten sehr schwierig wenn nicht gar unmöglich. Dies ist der
Hauptgrund, weswegen für Cobá derartige Informationen, wie
sie für einen Großteil der klassischen Zentren mit hieroglyphischen
Inschriften vorliegen, bislang in der Literatur nicht aufgetreten sind.
Des weiteren sind aus Cobá zahlreiche unskulptierte Stelen und Rundaltäre
bekannt, die aber Stuck- und Farbreste tragen (Graña-Behrens 2002
MS: 257), und seinerzeit wohl ebenfalls als Inschriftenträger gedient
haben.
Im folgenden sollen einzelne Monumente herausgegriffen und beschrieben
werden. Die Auswahl richtet sich nach den noch lesbaren Kalenderangaben
der in angemessener Weise im CMHI (Graham & von Euw 1997) publizierten
Monumente[16[16] Die anderweitig publizierten Monumente (vor allem Benavides 1981a) tragen entweder keine Daten oder sie lassen sich nicht rekonstruieren. Von den anderen Inschriftenträgern, etwa denen im Bereich der Grupo Las Pinturas, liegen in der Literatur keine Fotographien oder Zeichnungen vor. Der Verfasser hat zwar im April 2002 Aufnahmen dieser Monumente angefertigt, jedoch eignen sie sich aufgrund unzureichender Beleuchtung nicht, kalendarische Angaben vollständig zu identifizieren und können von daher nicht berücksichtigt werden.].
Die Identifizierung der Daten beruht
im wesentlichen auf Thompson (Thompson et. al. 1932: 131-184), wurde aber
anhand der Zeichnungen im CMHI überprüft und gegebenenfalls korrigiert.
Die Auflistung der Monumente folgt der chronologischen Abfolge. Die Klassifikation
von Zeichen richtet sich nach Thompson (1962), Transkription und Transliteration
nach Fox und Justeson (1984) sowie George Stuart (1988). Die Bezeichnung
der Hierglyphenblöcke folgt dem CMHI. Die Umrechung von Kalenderdaten
erfolgt anhand der GMT-Korrelation mit der Konstante 584.285 in den Gregorianischen
Kalender. Die Ikonographie wird in diesem Abschnitt ausgeklammert, aber
in der Schlußbetrachtung nochmals aufgegriffen.
Stele 6
Stele 6 befindet sich in der Grupo Macanxoc, am Eingang zu einem patio
vor Struktur 5. Nur die Vorderseite ist skulptiert, sie trägt einen
Text und ikonographische Elemente.
Der Text öffnet in A1-B7 mit dem K’atun-Ende 9.9.0.0.0, 3 Ajaw
2 Sotz’ (12. Mai 613), an welches sich nach der Kalenderrunde direkt das
zweite Initialseriendatum 9.9.10.0.0, 2 Ajaw 13 Pop (21. März 623)
in A8-D2 anschließt. Von der Tatsache abgesehen, daß es sich
bei diesem Datum um ein transitives Verb, angezeigt durch T1, handelt,
kann für die mit diesem Datum assoziierte Handlung keine präzise
Angabe gemacht werden, jedoch ist ein mit einem Periodenende verbundener
Ritus zu vermuten. An lesbaren Glyphen sind weiterhin eine Namensphrase
für die linke Figur (H1-H2) zu isolieren, sowie in G12 ein Hieroglyphenblock,
der entweder einen vollständigen Namen bildet oder die Fortführung
eines Namens oder Titulatur aus den vorgehenden Blöcken darstellt
und wohl den stehenden Herrscher bezeichnet. Die Hieroglyphenfolge in G12
kann bestenfalls als T76:#:142.4:53.526h? umschrieben werden.
Wie bereits Morley (1927: 57) anmerkte, ist die Wiedergabe von mehr
als einer Initialserie auf einem Monument sehr selten und er führt
als Beispiele TIK St. 17, YAX St. 11, CPN St. 3, PNG St. 1, PNG St. 3,
QRG St. D, QRG St. E und QRG St. F auf. Die Notierung zweier Angaben der
Langen Zählung auf verschiedenen Seitenflächen eines Monumentes
ist dabei nicht so ungewöhnlich, wohl aber wie im vorliegenden Falle
(und anderen Monumenten von Cobá) die Wiedergabe zweier derartiger
Daten in einem Textfeld. Wohl einzigartig im Maya-Gebiet ist der Vermerk
von insgesamt vier Initialserien im Falle von Stele 1.
Stele 4
Stele 4 steht in einem kleinen Sanktuar unterhalb der Treppe, die zur
Spitze von Struktur II der Grupo Macanxoc führt. Nur die Vorderseite
ist skulptiert, auch hier umrahmt ein Text eine szenische Darstellung.
Durch die Plazierung im Baukörper der Struktur haben sich Text und
Bild, besonders in der unteren Hälfte des Monumentes recht gut erhalten.
Der Text beginnt mit dem bereits von Stele 6 bekannten Initialseriendatum
9.9.10.0.0, 2 Ajaw 13 Pop (21. März 623) in A3-??. Eine exakte Leserechtung
innerhalb der einzelnen Textfelder festzulegen, gestaltet sich als schwierig,
jedoch ist die Anzahl der Kolumnen im Hauptfeld ungerade und interne Argumente
scheinen nahezulegen, daß die letzte Kolumne (I) einzeln zu lesen
ist, da in I4-I5 eine Distanzzahl 12.12.11 vorhanden zu sein scheint, die
zu einer Kalenderrunde 4 ? 17 ? (I6-I7) führt. Das daran anschließende
Verb beinhaltet T713a /K’AJ/, welches vornehmlich im Zusammenhang
mit Inthronisation oder Periodenenden vorkommt, jedoch läßt
die Kombination der Koeffizienten im klassischen Petén-Stil[17[17] Wie die anderen erkennbaren und rekonstruierbaren Daten im Korpus von Cobá zeigen, fand ausschließlich der Petén-Stil Verwendung.]
ein Periodenende nicht zu, so daß die Vermutung nahe liegt, daß
es sich bei besagtem Datum um ein historisches Ereignis handelt. In J6-K6
findet sich ein weiteres Kalenderrundendatum 9 Ben 1 ?, daß wohl
ebenfalls ein Inthronisationsdatum repräsentiert, wie das Vorkommen
von T684b in J7 zeigt.
Stele 3
Dieses Monument ist auf einer Plattform im Osten der Grupo Macanxoc
errichtet. Nur die Vorderseite ist skulptiert und trägt einen langen
Text von insgesamt 160 Hieroglyphenblöcken, die eine piktorale Wiedergabe
umgeben. Das ganze Relief ist sehr stark verwittert.
Identifizierbar ist in A2-B10 das Initialseriendatum 9.10.0.0.0, 1
Ajaw 8 K’ayab (27. Januar 633). Die erodierte Oberfläche macht die
Identifizierung weiterer Aussagen im Text unmöglich.
Stele 2
Diese Stele ist auf einer Treppe plaziert, die auf eine erhöhte
Plattform im Osten der Grupo Macanxoc führt. Ein Relief trägt
lediglich die Vorderseite. Dieses ist aber stark erodiert, lediglich an
der Basis ist der Erhaltungszustand besser.
Mehr als das Initialseriendatum (A3-??) 9.10.10.0.0, 13 Ajaw 18 K’ank’in
(6. Dezember 642) ist an Inhalt nicht mehr zu erkennen.
Stele 21
Das Monument wurde errichtet an der nordöstlichen Seite von Struktur
D-2. Der Erhaltungszustand der ausschließlich bearbeiteten Vorderseite
ist ausgesprochen schlecht. Im oberen Teil sind noch die Umrisse der Hieroglyphenblöcke
sowie der Ikonographie zu erkennen, an der Basis ist der Zustand etwas
besser.
Nach Thompson (Thompson et. al. 1932) beginnt der Text mit dem Long-Count-Datum
9.11.0.0.0, 12 Ajaw 8 Keej (A1?-??). Auf der im CHMI (Graham & von
Euw: 1997) veröffentlichten Zeichnung sind jedoch keine hieroglyphischen
Elemente mehr zu identifizieren. Von daher soll ursprünglich identifizierte
Kalenderangabe übernommen und in derartig die chronologische Sequenz
eingearbeitet werden.
Stele 1
Abbildung 10: COB St. 1, Front, Rückseite, linke und rechte Schmalseiten. CMHI.
Stele 1 (Abbildung 10) befindet sich in der Grupo Macanxoc auf einer
viereckigen Plattform in der Nähe des Beginns von sakbe 9.
Sie ist auf allen vier Seiten mit Textfeldern versehen und trägt auf
beiden Breitseiten Ikonographie.
Die Frontseite öffnet mit einem Initialseriendatum 9.11.0.5.9
(A1-B9), 4 Muluk 17 K’ayab (31. Januar 653). Kein Ereignis kann für
dieses Datum identifiziert werden. Weiter ist in G7-H13 das Datum 9.12.10.5.12,
4 Eb 10 Yax (30. August 682) vermerkt. Auch diesem Datum kann kein Ereignis
zugewiesen werden. Auf der Rückseite öffnet die Inschrift mit
einem sehr elaborierten Long-Count Datum (M1-N17) 13.0.0.0.0, 4 Ajaw 8
Kumk’u (13. August 3114 v. Chr.). Dieses bezeichnet das Anfangsdatum des
Maya-Kalenders und die Schöpfung der gegenwärtigen Welt. Entsprechend
findet sich in M18 das sogenannte „creation verb“ T153, welches stets in
Zusammenhang mit diesem Datum auftritt. In M19 tritt T218a /TZUTZ/
auf, was die Vollendung einer Zeitperiode anzeigt, die in N19 mit 13 ?
wiedergegeben ist. In O6-?? taucht ein weiteres Initialseriendatum auf,
9.12.0.0.0, 10 Ajaw 8 Yaxk’in (1. Juli 672). Leider ist auch das diesem
Datum zugeordnete Ereignis vollständig erodiert. Innerhalb des Textes
lassen sich einige singuläre Glyphen isolieren, die aber nicht in
das Datumsgerüst oder sinnvoll in eine syntaktische Einheit eingebunden
werden können. Dieser Umstand gilt auch für das restliche Textkorpus,
weswegen solchen Vorkommen keine weitere Beachtung geschenkt werden soll.
Eine Ausnahme wird am Ende des Kapitels noch einmal ausführlicher
aufgegriffen. Die beiden auf der Frontseite vermerkten Daten sind aufgrund
ihres nicht runden Charakters wahrscheinlich historische Ereignisse. Die
Datumsangaben lassen möglicherweise folgende Interpretation zu: Das
Datum 9.11.0.5.9 mag die Inthronisation eines Herrschers beschreiben, der
9.12.0.0.0 mit einem
mythologischen Bezug zum Schöpfungsdatum 13.0.0.0.0 ein K’atun-Ende
zelebriert hat, bevor wenig später, 9.12.10.5.12, ein weiteres wichtiges
Ereignis im Leben dieser Person stattgefunden hat, was das Todesdatum sein
mag. Eine derartig vorgeschlagene Regierungszeit von 29 Jahren erscheint
nicht ungewöhnlich. Aber ohne den internen Nexus von Distanzzahlen
und weiteren eingebetteten Kalenderrunden muß diese auf dem historischen
Ansatz von Proskouriakoff (1960) basierende Deutung Spekulation bleiben,
was auch für eventuelle Schlußfolgerungen für die anderen
Monumente gilt.
Stele 5
Dieses Monument der Grupo Macanxoc wurde vor der Treppe errichtet,
die zu einer an Struktur II angebauten Plattform führt. In ähnlicher
Weise wie bei Stele 1 sind alle vier Seiten mit Textfeldern versehen, jedoch
ist die linke Schmalseite weggebrochen, wie auch große Teile des
Monumentes stark verwittert sind. Die Vorderseite ist am besten erhalten
und generell ist der Zustand zur Basis hin besser.
Die Vorderseite öffnet mit dem Long-Count-Datum 9.11.10.0.0, 11
Ajaw 18 Ch’een (23. August 662) in A1-B9. Verschiedene Reste von Distanzzahlen
und Kalenderrunden sind auf der Vorderseite noch zu erkennen, lassen sich
aber erwartungsgemäß nicht in einen Zusammenhang bringen. Zu
den beiden Gefangenendarstellungen gibt es in H1-H3 und I1-I2 noch Beischriften.
Ob die Rückseite mit einer Initialserie öffnet, läßt
sich nicht mit Klarheit beantworten. Innerhalb des Textfeldes findet sich
in K2-K10 aber ein weiteres Long-Count-Datum, dessen Lesung man als 9.11.?.0.0,
? Ajaw ? ? belassen muß. Die rechte Schmalseite trägt ein weiteres
Datum in der Langen Zählung, dessen Anfang aber unlesbar ist. Die
Anzahl der Periodenzeichen zeigt aber einen ähnlichen Umfang wie das
Datum in M1-N17 auf Stele 1 und notiert das Schöpfungsdatum 13.0.0.0.0,
4 Ajaw 8 Kumk’u (13. August 3114 v. Chr.). In welchem Zusammenhang diese
Kalenderangabe aber in das historische Datumsgerüst eingebettet ist,
bleibt unklar. Da Stele 5 aber aus der gleichen Zeit wie Stele 1 stammt
und wahrscheinlich von dem selben Herrscher errichtet wurde, mag vielleicht
ein Verbindung zu den auf Stele 1 vermerkten Handlungen existiert haben.
Stele 16
Stele 16 wurde zwischen Struktur D-16 und dem nördlichen Ende
von sakbe 8 aufgefunden, ohne das eine Zuordnung zu einem Gebäude
hergestellt werden konnte. Das Monument ist auf der Vorderseite skulptiert
und trägt dort ein Textfeld in zwei Doppelkolumnen, Ikonographie ist
nicht vorhanden. Das Monument ist an seiner oberen linke Ecke im Bereich
der einführenden Datumsangabe abgebrochen. Die Umrisse der einzelnen
Zeichen ist zumeist noch zu erkennen, Binnenelemente fehlen aber gänzlich.
Das Initialseriendatum (A1-B8) ist inklusive Teilen des Winal-Koeffizienten
weggebrochen, so daß eine Rekonstruktion nur über den Tzolk’in
und bestimmte Angaben der Supplementärserie möglich ist. Thompson
(Thompson et. al. 1932) hat drei wahrscheinliche Daten vorgeschlagen, es
sind 9.15.1.2.8, 9 Lamat 16 Keej – oder 9.12.9.2.8, 9 Lamat 11 Yaxk’in
– oder 9.11.3.2.8, 9 Lamat 1 K’ank’in. Wahrscheinlich handelt es sich bei
dem Datum aber um 9.16.7.2.8, 9 Lamat 6 Xul (20. Mai 758), was aufgrund
der Form bestimmter Hieroglyphenblöcke und arithmetischer Argumente
begründet werden kann: Der Winal-Koeffizient kann aufgrund des Platzbedarfs
als „2“ rekonstruiert werden, aus gleichem Grunde muß der Koeffizient
für die Tun-Stelle zwischen 6 und 10 liegen. Die Form von Glyphe
G (B4) kann nur G3 bedingen, bei der Zahlangabe von Glyphe C (B6) handelt
es sich wahrscheinlich um 2. Das einzige Datum, welche diese Annahmen erfüllt,
ist das oben angegebene.
Stele 20
Abbildung 11: COB St. 20, Front. CMHI.
Bei Stele 20 (Abbildung 11) handelt es sich um das besterhaltene Monument
im Korpus von Cobá. Es befindet sich vor Struktur X der Grupo Nohoch
Mul. Nur die Vorderseite ist skulptiert. Das Monument war in vier Fragmente
zerbrochen. Der überwiegende Teil des hieroglyphischen Textes, der
sich in mehrere Textfelder aufteilt, ist identifizierbar.
Das den Text eröffnende Long-Count-Datum in A2-D1 ist eindeutig
identifizierbar als 9.17.10.0.0, 12 Ajaw 8 Pax (2. Dezember 780). Der folgende
Text ist unverständlich, jedoch wird für die dort aller Wahrscheinlichkeit
nach beschriebene Aktion, möglicherweise ein Ritual zum vermerkten
Periodenende, in C7 protokolliert, daß sie unter der Aufsicht (T1.526:136°125,’u-kab[i]-[i]jiy)
einer Person stattfand, die in der Regel als der Herrscher identifiziert
werden kann. Sein Name ist ab der Position E1 notiert, und beginnt möglicherweise
mit kaloomte’, wie die Hieroglyphenfolge T76:200 vermuten läßt.
Möglicherweise setzt sich der Name mit T561:23.184, chan k’inich
fort. Weitere Namensbestandteile oder eine Titulatur inklusive einer Emblemhieroglyphe
lassen sich im folgenden aber nicht eindeutig bestimmen. Nach Block H4
setzt sich der Text wahrscheinlich im Feld H5-H8 fort, das durch eine Distanzzahl
7.17.15 eingeleitet wird, deren Ausgangsdatum allerdings unklar ist und
nicht notwendigerweise das Initialseriendatum sein muß. Die Aussage
setzt sich in H7 mit dem Vermerk fort, daß etwas geschehen ist (T#.59:126,
’uhti-[iji]y) an einem als chan ’ajaw bezeichneten Toponym
(H8, T59.168:561). Das Textfeld in A8-A12 bleibt schwierig zu verstehen,
beinhaltet aber möglicherweise einen Hinweis auf eine Sonnenfinsternis
in Block A10. Vier Felder an Beischriften begleiten die Gefangenendarstellungen
zu Füßen des Herrschers.
Wie die vorliegende Auflistung und Beschreibung der kalendarisch datierbaren
Monumente aus Cobá zeigt, können nur wenige Aussagen zur Dynastiegeschichte
und den politischen Beziehungen des Ortes getroffen werden. Die meisten
erkennbaren Daten beziehen sich auf Periodenenden und sind damit für
eine dynastische Rekonstruktion wenig brauchbar. Wie es bereits in der
Diskussion für Stele 1 angeklungen ist, kann man mit Hilfe des historischen
Ansatzes mögliche Aussagen treffen, jedoch bleibt dies auch auf das
besagte Monument beschränkt. Denn ansonsten besitzt nur noch Stele
16 ein eindeutig historisches Datum. Auffällig ist weiterhin das völlige
Fehlen von Kalenderangaben aus der Zeit zwischen 9.12.10.5.12 und 9.16.7.2.8,
eine Spanne von 76 Jahren. Über Gründe für diesen „Hiatus“
zu spekulieren wäre aber aufgrund der allgemein schlechten Erhaltungsbedingungen
müßig und historische Implikation müssen nicht notwendigerweise
gegeben sein.
Mit etwas Berechnung lassen sich vielleicht drei Herrscher für
Cobá voneinander abgrenzen. Das Wort „Berechnung“ ist in diesem
Zusammenhang treffend gewählt, da diese drei Individuen nur aufgrund
ihrer zeitlichen Distanz voneinander abgegrenzt werden. Die als Herrscher
A zu bezeichnende Person ist auf Stele 6 vollständig oder teilweise
in Block G12 vermerkt. Aufgrund der übereinstimmenden Daten kann sicherlich
Stele 4 noch Herrscher A zugeschrieben werden. Als Herrscher B soll das
Individuum bezeichnet werden, das Stele 1 errichten ließ, und über
dessen möglichen historischen Inhalt bereits diskutiert wurde. Sollte
diese Annahme treffend sein, kann Herrscher B noch Stele 5 zugerechnet
werden. Eine große Zeitlücke führt dann zu Herrscher C,
der Stele 20 errichten ließ, und der möglicherweise vollständig
oder teilweise Kaloomte’ Chan K’inich hieß. Unter Umständen
lassen sich einige der vorgestellten Monumente noch dem einen oder anderem
Herrscher zuordnen, so könnte Stele 16, sollte die Datumsrekonstruktion
denn zutreffend sein, ein Inthronisationsdatum für Herrscher C darstellen.
Doch sollte man sich davor hüten, ausufernde Spekulation die Oberhand
über die bereits vage Rekonstruktion gewinnen zu lassen.
Wie bereits in der Besprechung von Stele 1 angedeutet, gibt es im Korpus
von Cobá, aber nicht nur dort, eine isolierte Hieroglyphe, die offenbar
eine bestimmte regionale Relevanz besitzt. Es handelt sich hierbei offenbar
um eine Emblemhieroglyphe. Diese taucht auf Stele 1 zweimal auf, einmal
in Block H5, das andere Mal mit einem weiblichen Personenklassifikator
in Block H20. Im ersten Fall läßt sich die Zeichenfolge als
T35.168:122.617:178? klassifizieren, im zweiten Fall als T1000.122.168:617:178.
Die Kombination T122-617-178 bildet dabei eine Schreibung für k’awiil,
den Namen von Gott K, der damit den Namen des „Emblems“ wiedergibt.
Abbildung 12: EKB Msc. 1. Unpublizierte Zeichnung von Alfonso Lacadena.
Aber über welche politische Einheit herrschte der k’uhul k’awiil
’ajaw? Die Notierung des Titels mit dem weiblichen Klassifikator T1000
/’IX(IK)/ läßt eigentlich nur folgenden Schluß
zu: Es handelt sich um eine externe Referenz und nicht um die Emblemhieroglyphe
von Cobá. Folgende Beobachtungen aus anderen Inschriften stützen
diese Annahme: Werden adlige Frauen aus einem anderen Territorium in den
Inschriften eines Emblemortes erwähnt, häufig als Ehefrauen des
regierenden Herrschers, so folgt ihrem Eigennamen stets eine Herkunftsbezeichnung
bestehend aus ’ixik ’ajaw und dem Namen des auswärtigen „Emblems“.
Lokale Frauen bleiben unbezeichnet. Die Möglichkeit, daß es
sich bei dem Fall um Cobá um eine Frau als Regentin handelt, scheint
ebenfalls wenig wahrscheinlich. Auch wenn nur wenige Fälle von Frauen
im Herrscheramt bekannt sind und die Vergleichsmöglichkeiten gering
ausfallen, so zeigt sich doch, daß sowohl lokale (wie etwa Frau Yohl
Ik’nal aus Palenque) wie auch auswärtige Frauen (wie etwa Frau
Wak Chanil Ajaw aus Naranjo) im bekannten Korpus stets als der k’uhul
ajaw und nicht als ’ixik ’ajaw ihres originären Territoriums
bezeichnet werden. Das es sich bei dem k’awiil ’ajaw wohl tatsächlich
um einen Emblemtitel handelt, wird durch den dritten identifizierbaren
Beleg bekräftigt. Dieser ist extern und stammt von EKB Msc. 1, A6-A7
(Abbildung 12). Dieses Fragment aus Ek Balam[18[18] k Balam scheidet als Kandidat für die diskutierte Emblemhieroglyphe aus, da die von diesem Ort kontrollierte politische Einheit durch das "Emblem" tal(o’) bezeichnet wurde (Voß & Eberl 1999).] zeigt
den Kopf, rechten Arm und Teile des Oberkörpers einer männlichen
Person. Der begleitende Text öffnet mit T1.501:24, ’u-ba[ah]-il,
„es ist sein Abbild“, dem Eigennamen in A2-A5 und der abschließenden
Spezifizierung T122.617?.117:178-747:136, k’awiil ’ajaw. Die Abwesenheit
des k’uhul ist entweder ein Indiz für eine Gefangenendarstellung,
wie auch das Fehlen von Insignien bei der dargestellten Person, oder es
handelt sich um einen untergeordneten Adligen.
Folgende Aussagen lassen sich also über das Territorium von k’awiil
treffen: Eine Adlige von dorther hat aller Wahrscheinlichkeit nach in die
Dynastie von Cobá eingeheiratet und Ek Balam stand mit diesem Ort
ebenfalls in Kontakt, der zumindest zu einem gewissen Zeitpunkt möglicherweise
kriegerischer Natur gewesen ist. Aufgrund der räumlichen Nähe
zu beiden Orten, der Anbindung über eine Dammstraße mit Cobá
und der Ausdehnung der Siedlung scheint Yaxuná ein plausibler Kandidat
zu sein[19[19] Das aus Yaxuná bislang keine hieroglyphischen Inschriften bekannt geworden sind, darf nicht stören, auch hier fanden sich wie in Cobá Monumente mit Resten von Stuck und Farbe (Graña-Behrens 2002 MS: 257).],
doch sollte man sich auch hier nicht in
haltlosen Spekulationen verlieren, jeder andere größere Ruinenort
in Nordyucatán kann als Kandidat ebenfalls in Frage kommen.
Zum Schluß sei noch angemerkt, daß Cobá offenbar
weit über Nordostyucatan reichende politische Beziehungen verfügt
hat. Eine Herkunftsbezeichnung, die mit Cobá in Verbindung gebracht
wird, stammt von Edzna Stele 19, D10-D11 (Voß & Eberl 1999: 126)
und besteht aus einem Agentivpräfix und der Zeichenfolge /ko-ba-’a/.
Das koba’ als Toponym ein gewisses Alters hat, zeigt die in Kapitel
1.2 zitierte Passage aus dem Werk von Cogolludo, und es besteht eine gute
Wahrscheinlichkeit, daß diese Ortsbezeichnung noch aus der Zeit der
Klassik stammt[20[20] Es sei bei dieser Annahme an den Fortbestand von Cobá als Pilgerzentrum über die Klassik hinaus erinnert, was eine Tradierung des alten Namens erklären könnte.]
und wohl den Ort selbst oder eine
architektonische Gruppe innerhalb der Stadt bezeichnet.
Während die allgemeine Siedlungsgeschichte von Cobá schlecht gezeichnet ist, und fast ausschließlich über die Sekundärliteratur erschlossen werden kann, kann man über die Keramiksequenz, die Architektur und über die Analyse der steinernen Monumente genauere, wenn auch keine präzisen, Aussagen über die Beziehungen von Cobá, den politischen und ideologischen Charakter des Ortes und damit über die Art der Stadt treffen.
Nachdem in den vorangehenden Kapiteln einzelne Aspekte des urbanen Raumes von Cobá beleuchtet und näher untersucht wurden, kann man für die Schlußbetrachtung nun eine Reihe von Fragen formulieren, die wichtige charakterisierende Aspekte der Stadt berücksichtigen. Diese Herangehensweise soll der einfachen Zusammenschau bestimmter Merkmale vorgezogen werden, da aufgrund der teilweise unzureichenden Forschungslage für Cobá selber als auch die Ungewißheit und andauernde Diskussion über den Begriff „Stadt“ und über die Natur der politischen Organisation der Klassischen Maya Antworten schwieriger zu geben sind.
Handelt es sich bei Cobá überhaupt um eine Stadt?
Bislang wurden im Text Begriffe wie „Stadt“, „urbaner Raum“, „Siedlung“
und ähnliches recht freizügig verwendet. Dies drückt bereits
einige Unsicherheiten bei der Definition des „Cobá“ benannten geographischen
Areals und seiner Umgebung aus. Einige Ansatzpunkte wurden bereits in Kapitel
3.1 angedeutet, gewisse Problematiken sollen aber näher erläutert
werden. Die von Eric Thompson gestellte Frage „What was a Maya city, and
how did it function“ (1954: 66) kann auch heute noch nicht hinreichend
beantwortet werden und die Suche nach der urbanistischen Natur von „Maya-Städten“
hält weiterhin an.
Wie der Beginn systematischer Siedlungsstudien (etwa in Tikal, Calakmul,
Mayapán, Sayil und vielen anderen Stätten) gezeigt hat, ließen
sich „Maya-Städte“ nicht mehr nur als die leeren Zeremonialzentren
erklären, als die sie Thompson (1954: 66) noch angesehen hat. Wie
auch im Laufe der Zeit etwa das Verständnis von Schrift und Schriftlichkeit
wesentlich differenzierter und verfeinert wurde, so setzte sich auch die
Erkenntnis durch, daß Städte nicht unbedingt eine bestimmte
Form oder gewisse funktionalistische Ansprüche erfüllen müssen
und ein Kriterienkatalog für die Definition von Städten ungeeignet
ist. Nicht nur, daß sich bestimmte Merkmale nicht oder nur indirekt
im archäologischen Befund nachweisen lassen, eine einzelne Definition
ist auch ungeeignet, alle Ausprägungen einer Stadt zu erfassen (vgl.
Grube 2000: 554). Diese Aussage behält allerdings auch nur ihre Gültigkeit,
wenn man eine synthetische Definition anwendet und nicht eine verallgemeinernde
Realdefinition, die man im konkreten Fall bereits als eine Art Modell für
eine Stadt auffassen kann.
Neuere, verfeinerte Sichtweisen über Städte heben Verflechtungen
von funktionalen und formalen Tendenzen und Prozessen hervor, welche die
„Maya-Städte“ nun als echte urbane Areale und damit als Städte
erscheinen lassen (vgl. Grube 2000: 553-556). Diese Aussagen behalten auch
ihre Gültigkeit, selbst wenn bestimmte Aspekte noch nicht oder in
hinreichendem Maße geklärt sind. Von Cobá als einer Maya-Stadt
zu sprechen, erscheint daher legitim.
Wie war Cobá politisch organisiert? Die Suche nach Herrschafts- und Staatsform.
Die Rekonstruktion der politischen Organisation der Maya beruht auf
einer Reihe von Quellen, etwa der Archäologie, der Epigraphik, der
Ethnohistorie und externen Modellen. In der Mehrzahl aller Versuche läßt
sich feststellen, daß dabei primär zwei gegensätzliche
Sichtweisen hervorgegangen sind: zum einen eine großräumige
Organisation in „Regionalstaaten“ und zum anderen eine begrenzte Territorialität
im Sinne eines „Stadtstaates“. Auch hier ist die wissenschaftliche Diskussion
noch in vollem Gange. Es scheint sich aber, gerade durch ein verbreitertes
Verständnis der hieroglyphischen Quellen, abzuzeichnen, daß
der ebenbürtige „Stadtstaat“ die Grundeinheit bildete, einige von
ihnen aber durchaus Einfluß auf andere, teils immer noch unabhängige
Stadtstaaten, im Sinne einer begrenzten, dynamischen Hegemonie haben konnten
(vgl. Grube 2000: 547-553) und „more equal than others“ (Martin & Grube
2000: 18) waren[21[21] Seit den 1990er Jahren sind noch eine ganze Reihe analytischer Modelle zur Erklärung von Maya-Staaten hinzugezogen worden, etwa der „segmentary state“, der „theatre state“ und die „galactic polity“. Für eine Zusammenschau sei auf Grube 2000:549-550 verwiesen.].
Bei den beiden Hauptvertretern der jeweiligen Modelle, Richard Adams
für die „Regionalstaaten“ (Turner, Turner & Adams 1981) und Peter
Mathews für die „Stadtstaaten“ (1991), findet sich Cobá, beinahe
wie selbstverständlich, als das Zentrum eines eigenen Staatsgebildes.
Aufgrund der Größe der Stadt erscheint dies beinahe selbstverständlich
und ist, wie im folgenden noch weiter ausgeführt, auch durch die Herrschaftsform
begründbar.
Die Grenzen sind in beiden Fällen nach Westen und nach Süden
hin zu anderen Territorien festgelegt und reichen bis an die Nordküste
und die Karibik, Folge der damals noch relativ unbekannten politischen
Geographie in Nordostyucatán. Mit der Identifizierung der Emblemhieroglyphe
von Ek Balam (Voß & Eberl 1999) schränkt sich der „Cobá-Staat“
damit bereits ein. Die Einbindung der Küstengegenden muß weiter
fraglich bleiben, jedoch ist aufgrund der heute bekannten Daten aus den
politischen Einheiten des zentralen Tieflandes kaum zu vermuten, daß
Cobá einen derart weit reichenden Einfluß hatte. Besonders
auffällig im Modell des „Stadtstaates“ ist aber die Einbeziehung von
Yaxuná, die in einer schmalen und weit westlich reichenden Ausdehnung
mündet. Welche Gründe hierfür eine Rolle gespielt haben,
ist leider nicht ersichtlich. Epigraphisch, daß heißt über
das Vorkommen von Emblemhieroglyphen, kann man eine solche Zuordnung weder
bestätigen noch ausschließen. Die vermeintliche Zugehörigkeit
von Yaxuná zum Staatswesen von Cobá geschieht damit wohl
einzig und allein über die Verbindung beider Städte durch sakbe 1.
Welchen Typ der „Cobá-Staat“ letzten Endes repräsentiert,
kann vor allem aufgrund der schlechten Quellenlage an hieroglyphischen
Texten in Cobá selbst und in ganz
Nordostyucatán nicht ohne weiteres geklärt werden. Grundsätzlich
sollte man aber von einer begrenzten Territorialität ausgehen, eine
Hegemonialstellung kann vermutet werden, läßt sich aber nicht
nachweisen.
Auf welche Art aber wurde Cobá und sein Staatsgebilde regiert?
Eine Antwort auf diese Frage ist ebenfalls ausschließlich auf eine
Reihe von Indizien zu geben, die jedoch ein relativ klares Bild zeichnen.
Ein wichtiger Schlüssel bildet das Errichten von skulptierten
Monumenten, die ein bestimmtes ikonographisches Programm tragen. Wie bereits
Benavides (1981a: 84) bemerkt hat, herrscht in Cobá ein prototypisches
Motiv vor, welches in bester Tradition des zentralen Tieflandes steht.
Die Mehrzahl aller Stelen trägt die Darstellung eines stehenden Herrschers,
der einen zeremoniellen Stab hält, dessen Enden als die Köpfe
des Sonnengottes und des Jaguargottes der Unterwelt, der nächtlichen
Manifestation der Sonne, ausgestaltet sind. Ein ausladender Kopfputz zeigt
die Maske eines Numens, darüber hinaus in vielen Fällen bekrönt
mit einer Wiedergabe von Gott K. Besonders gut läßt sich auf
Stele 20 eine Wiedergabe der präklassischen Version des königlichen
Kopfbandes mit dem Jester God erkennen. Die Kleidung weist den Träger
in vielen Fällen als eine Repräsentation des Gottes Chac Xib
Chac aus, ebenso tragen viele Personen am Gürtel Beile (celts).
Sucht man Vergleiche dieser Motive in anderen Inschriftenorten, so fallen
vor allem große Reminiszenzen zu den frühklassischen Darstellungen
von Tikal ins Auge. Weiterhin stehen die Herrscher von Cobá in vielen
Fällen auf einer oder zwei Personen, die als Gefangene zu erkennen
sind und sie werden häufig von Gefangenendarstellungen flankiert,
die auch namentlich bezeichnet sind. Solche Szenen sind sehr häufig
im gesamten Maya-Gebiet und gut bekannt etwa aus Naranjo oder Piedras Negras.
Die Epigraphik kann nicht viel zur Klärung beitragen, jedoch besitzen
wir, wie es in Kapitel 5.2 an verschiedenen Stellen angeklungen ist, Hinweise
auf die Aufzeichnung möglicher historischer Daten, die eventuell verbunden
sind mit bestimmten Handlungen, etwa Thronbesteigungen.
Addiert man alle Indizien zusammen, so ergibt sich die klare Aussage,
daß Cobá in der Tradition des klassischen Gottkönigtums
des zentralen Tieflandes stand und trotz des bislang fehlenden Vorkommens
einer Emblemhieroglyphe von einem k’uhul ajaw regiert wurde und damit Zentrum
eines Staates war (vgl. Grube 2000: 553). Die Inschriftenträger dienten
dabei den propagandistischen Zwecken der herrschenden Elite zur Selbstdarstellung
(ganz im Sinne des Modells des „theatre state“) und der Geschichtsschreibung
ihrer Taten.
In welcher kulturellen Tradition stand Cobá?
Wie es im vorangehenden Abschnitt bereits diskutiert wurde, stand Cobá
zumindest in politischer und damit auch ideologischer Hinsicht in der Tradition
eines göttlich sanktionierten Herrschertums, wie es bis zum Ende der
Klassik und des gerne so bezeichneten „Kollaps“ die alleinige Form der
Herrschaft war. Es ist daher naheliegend zu deduzieren, daß sich
eine Anbindung an das zentrale Tiefland auch in anderen Bereichen findet.
Dies ist in der Tat der Fall.
Wie bereits in Kapitel 5.1 angeschnitten, weist die Keramik aus Cobá
seit der präklassischen Phase Añejo starke Verbindungen zu
der des zentralen Tieflandes auf. Bis zum Ende des spätklassischen
Palmas-Komplexes, etwa 100 Jahre bis zum Ende der Klassik dauern diese
Ähnlichkeiten der keramischen Waren an, obwohl bereits nordwestyukatekische
Waren seit der Frühklassik in Cobá in Gebrauch waren.
Noch deutlicher wird die enge Anbindung an das geographische Herz des
Maya-Gebietes in der Architektur. Cobá gilt als außenliegender
Repräsentant des zentralen Petén-Stils (Sharer 1994: 637).
In Cobá gibt es keine Strukturen, die in ihrem Grundriß denen
in anderen Orten von Nordyucatán ähnlich sind (Benavides 1981a:
28), etwa in der Puuc-Region oder Chichén Itzá. Des weiteren
ist die Fassadengestaltung atypisch für den Norden der Halbinsel.
Statt sorgfältig behauene Blendsteine zu verwenden, wurde ein aus
irregulären Steinen errichteter Baukern mit Stuck verkleidet, der
bemalt wurde. Die etwa im Puuc-Gebiet so geläufige Verwendung
von maskenartig gestalteten Fassaden in Mosaiktechnik oder den Einsatz
von Ziersäulen kann man in Cobá nicht antreffen.
Mit dem Übergang von der Klassik zur Postklassik lassen sich eindeutige
Veränderungen, gar Brüche, in den bisherigen Traditionen erkennen.
Steinerne Monumente mit den historischen und dynastischen Aufzeichnungen
der herrschenden Elite wurden nicht mehr errichtet. Keramische Waren aus
Nordwestyucatán, die vorher nur vereinzelt aufgetreten waren, bilden
mit dem Oro-Komplex nun die überwiegende Zahl des Inventars, während
Waren aus dem Petén völlig verschwinden.
In der Architektur zeigt sich ebenfalls ein Wandel, wie bereits in
Kapitel 3.4 an einigen Strukturen angesprochen. Die Bauformen des südlichen
Tieflandes werden aufgegeben zugunsten eines regional begrenzten Stils
der karibischen Ostküste, der seine prominentesten Vertreter in den
spät-postklassischen Stätten von Tulúm, Tancáh
oder Xcaret hat.
Auch wenn Cobá die tiefgreifenden Veränderungen der Maya-Kultur
in der Zeit zwischen Endklassik und Früher Postklassik besser überdauert
hat als die meisten südlich gelegenen Städte und Staaten, so
kann doch auch für diese Zeit ein deutlicher Bruch festgestellt werden,
der eine Ablösung vom „kollabierenden“ Kernland beschreibt und die
Übernahme begrenzter, lokaler Traditionen und Ausprägungen markiert.
Welche Fragen kann Cobá für die Maya-Forschung beantworten?
„Cleaning the facades of buildings and their subsequent consolidation
simply does not satisfy the need for obtaining the type of information
essential to understand better the development of Coba.“ (Folan et. al.
1983: 215). Dieses Zitat charakterisiert die bisherigen Arbeiten in und
zu Cobá relativ deutlich.
Wie es im Rahmen dieser Ausarbeitung mehrfach angeklungen ist, beschränkt
sich die Darstellung von Cobá als Stadt in der archäologischen
Literatur eher auf Beschreibungen und Interpretationen im Rahmen der New
Archaeology als auf die Präsentation tatsächlicher archäologischer
Daten, was eine Überprüfbarkeit des publizierten Materials nicht
gewährleistet. Auch wenn in Cobá zum Teil substantielle Ausgrabungen
stattgefunden haben, so lag doch vor allem während der Projektphase
in den 1970er Jahren die Konsolidierung und Restaurierung von Strukturen
im Vordergrund. Das seit 1992 laufende Projekt des Centro Quintana Roo
des INAH unter der Führung von María José Con hat versucht,
einige Lücken zu schließen, wenngleich auch hier restaurierende
Aspekte zur Mehrung des Tourismus eine Rolle spielen.
Dabei bildet Cobá eine exzellente Gelegenheit, gerade für
spezielle Fragen der nordyukatekischen Kulturgeschichte als Modellbeispiel
Pate zu stehen. Als größte Stadt der Region und eine der weitläufigsten
Maya-Städte überhaupt, könnte sie beantworten, warum sich
an der äußeren Peripherie, im hohen Norden des Maya-Gebietes,
Städte entwickelt haben, die in ihrem Erscheinungsbild und an ihren
archäologischen Funden so starke Parallelen zu den südlich gelegenen
Gebieten in Mexiko, Guatemala und Belize haben. Ein reger Austausch mit
dem zentralen Tiefland hat mit Sicherheit stattgefunden, nicht nur auf
ökonomischer Basis, sondern auch ideologisch und innovativ.
Wie aber das relativ frühe Auftreten von Keramiken aus der Puuc-Region
zeigt (vgl. Kapitel 5.1), besaß Cobá ebenso eine Anbindung
an den Nordwesten der Halbinsel. Um so erstaunlicher ist es, daß
sich in der Architektur keine Übernahmen typischer Puuc-Elemente finden,
insbesondere nach dem Zusammenbruch der „klassischen“ Tradition, während
man in der näheren Umgebung, etwa in Chichén Itzá, Yaxuná
und Ek Balam Merkmale des Frühen Puuc-Stils (650-750) und des Junquillo-Stils
(750-850) ausmachen kann. Weiter kann Cobá mehr zur Datierung und
Bedeutung des Ostküsten-Stils beitragen. Dieser Baustil, der allgemein
der späten Postklassik zugerechnet wird, besitzt bereits Parallelen
in der Puuc-Architektur[22[22] Es sei etwa auf Darstellung des „Díos Descendente“ in Labná und Sayil verwiesen.].
In einer Zeit, in der die
konstruktive Qualität und die Dimensionen von Bauwerken abnehmen,
findet sich auf der Pyramide Nohoch Mul, dem höchsten Gebäude
Nordyucatáns, ein Tempel im besagten Stil errichtet. Leider sind
der Literatur keine Angaben zu entnehmen, aus welcher Zeit der Tempel stammt,
seine Assoziation mit der endklassischen Pyramidalplattform schließt
eine zeitgleiche Errichtung nicht aus. Vielleicht war Cobá sogar
der Ausgangspunkt dieses Stils, der seine größte Verbreitung
schließlich in der Postklassik gefunden hat.
Schlußbemerkung
Aufgrund der zahlreichen Merkmale und der äußerst komplexen
Verflechtungen im Rahmen einer Siedlungsanalyse mußte in der Schlußbetrachtung,
wie auch in der gesamten Arbeit, notwendigerweise eine Beschränkung
erfolgen. Nicht alle Aspekte konnten berücksichtigt, nicht alle Fragen
gestellt und bei weitem nicht alle Antworten
gegeben werden.
Die vorliegende Arbeit ist also mehr als eine punktuelle Sondierung
verschiedener Themen zu verstehen, in der auf gewisse, auch methodische,
Voraussetzungen verzichtet werden mußte. Zum Schluß kann also,
trotz des teils etwas fragmentarischen Überblicks, im Ergebnis festgehalten
werden, daß Cobá seinen Platz unter den „Großstädten“
der präspanischen Maya verdient.
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